Silhouette einer trauernden Frau

Limerenz: Ist das wirklich Liebe?

Obsessive Liebe

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Warst du schonmal so unglaublich verliebt, dass du alles andere vergessen hast, obwohl du und die Person deiner Träume nicht mal zusammen waren, oder ihr euch nicht wirklich kanntet? Dann hast du wahrscheinlich Limerenz erlebt.

Warum Limerenz mehr ist als ein Crush

Es beginnt oft harmlos. Ein Gespräch, ein Blick oder eine unerwartete Nähe genügt. Plötzlich ist da diese eine Person, die sich unmerklich in den Mittelpunkt der Gedanken schiebt. Das Handy wird häufiger überprüft, Erinnerungen werden wieder und wieder abgespielt, und selbst kleinste Gesten bekommen eine große Bedeutung. Was sich zunächst wie intensive Verliebtheit anfühlt, kann sich mit der Zeit jedoch in etwas verwandeln, das mehr Kraft kostet, als es schenkt: Limerenz.

Dieses Wort stand für den seligen Zustand, bei dem man auf Wolken geht, bei dem man besessen und bedrängt wird von Gedanken über den geliebten Menschen, eine unbezähmbare Sehnsucht nach Erwiderung empfindet und einen Schmerz in
der Brust fühlt, wenn Ungewissheit besteht, und bei dem man den geliebten Menschen als unvergleichlich wunderbar betrachtet.

Dr. Howard M. Halpern in: Liebe und Abhängigkeit: Wie wir übergroße Abhängigkeit in einer
Beziehung beenden können

Der Begriff wurde in den 1979 von der Psychologin Dorothy Tennov in ihrem Buch Love and Limerence: The Experience Of Being In Love zum ersten Mal erwähnt und beschreibt einen emotionalen Zustand, der zwischen Verliebtheit und Abhängigkeit liegt. Limerenz ist kein medizinischer Begriff und keine Diagnose, aber ein sehr reales Gefühl, welches etwa die Hälfte die Bevölkerung mindestens einmal erlebt, wie eine Umfrage von Neurowissenschaftler und Limerenz-Blog-Betreiber Tom Bellamy in Zusammenarbeit mit einem Marktforschungsunternehmen darlegt.

In ihrem Buch unterteilt Tennov Limerenz in drei Phasen:

Idealisierungsphase

Die erste Phase der Limerenz ist meist von Euphorie getragen. In der Idealisierungsphase wird die andere Person (das sogenannte limerente Objekt) auf ein Podest gestellt. Eigenschaften erscheinen außergewöhnlich, Gemeinsamkeiten wirken schicksalhaft und Unterschiede charmant oder bedeutungslos. Der Gedanke, so jemand großartiges noch nie getroffen zu haben, wird zur eigenen Realität. Zweifel haben kaum Platz, rote Flaggen werden übersehen oder romantisiert. Die Aufmerksamkeit des limerenten Objektes wird zum emotionalen Treibstoff. Jede Nachricht oder kleine Geste löst enorme Glücksgefühle aus; fehlende Aufmerksamkeiten lösen wiederum Unsicherheiten aus. Die eigene Stimmung beginnt sich zunehmend an dieser einen Person auszurichten.

Unsicherheitsphase

Mit der Zeit kippt die anfängliche Leichtigkeit häufig in die zweite Phase: Unsicherheit. Bestätigung wird dabei zur Währung für Glücksgefühle. Die Gedanken kreisen unaufhörlich, erlebte Momente werden analysiert, jedes Detail seziert. Die emotionale Abhängigkeit wird spürbar. Die eigene innere Stabilität scheint davon abzuhängen, wie die andere Person sich verhält. Besonders schmerzhaft ist diese Phase, wenn Signale widersprüchlich oder unklar sind. Hoffnung und Angst liegen dann gefährlich nah beieinander.

Laut Tennov werden 85-100% der wachen Stunden mit dem Gedanken an das limerente Objekt verbracht. Limerenz ist also nicht nur ein psychisches Leiden, sondern kann sich auch bedeutend auf das Leben außerhalb des eigenen Kopfes auswirken. Denn in dieser Phase beginnt auch ritualisiertes Verhalten, wie das andauernde Anschauen von Bildern des limerenten Objektes oder Social Media Stalking.

Desilliusionierungsphase

Die Desillusionierung, tritt ein, wenn sich die Realität nicht länger ignorieren lässt. Entweder wird klar, dass die Gefühle nicht erwidert werden, oder die idealisierte Vorstellung passt nicht mehr zu dem tatsächlichen Verhalten der anderen Person. Manchmal geschieht das abrupt, manchmal schleichend. Diese Phase ist oft von Traurigkeit, Enttäuschung oder auch innerer Leere geprägt. Das Bild, das man so lange angebetet hat, zerbricht. 18 Monate bis hin zu 3 Jahren kann eine Limerenz dauern, meint Tennov. So schmerzhaft die Desillusionierung ist, eröffnet sie auch die Möglichkeit, wieder bei sich selbst anzukommen und die emotionale Abhängigkeit langsam zu lösen.

Limerenz ist nicht Liebe

So intensiv Limerenz auch erlebt wird: Sie unterscheidet sich grundlegend von reifer Liebe. Liebe fühlt sich nicht permanent unsicher an. Sie braucht keine ständige Bestätigung und lebt nicht von der Angst, etwas zu verlieren. Außerdem wird eine Beziehung unterbewusst nicht tatsächlich gewollt –  limerente Objekte sind oftmals außer Reichweite. Die euphorischen Ups & Downs werden zu einer toxischen Sucht; werden die Gefühle ernst, bekommen Betroffene oft kalte Füße, wie auch Autorin Susanne Kaloff der “Brigitte” erzählt. Das Erkennen dieses Unterschieds ist oft der erste Schritt in Richtung innerer Freiheit.

So gehst du am besten mit Limerenz um

Limerenz verschwindet selten über Nacht. Doch sie kann sich abschwächen, wenn der Fokus langsam wieder nach innen gelenkt wird. Es hilft, die eigenen Gedanken zu beobachten, statt ihnen blind zu folgen. Welche Bedürfnisse stehen hinter der Fixierung? Nähe? Anerkennung? Sicherheit? Oftmals sind gerade Menschen mit geringem Selbstbewusstsein von Limerenz betroffen.

Der bewusste Kontakt zu Freund:innen, das Pflegen eigener Interessen und – wenn nötig – professionelle Begleitung können dabei unterstützen, diese Muster zu erkennen und neue Wege zu gehen, wie Psychotherapeutin Anna Lübberding offenbart.

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