Mensch und Tier geben sich die Pfote

Wenn das Haustier stirbt: Warum der Verlust so tief geht und was helfen kann

Goodbye, Friend

8 Min.

© Shutterstock/ Tamara L Sanchez

Und plötzlich ist es morgens still. Kein Kratzen an der Tür, kein erwartungsvoller Blick, kein rhythmisches Atmen oder leises Winseln neben dem Bett. Der Napf bleibt leer, die Leine hängt noch an ihrem Platz. Und während draußen alles weiterläuft wie immer, fühlt sich drinnen etwas grundlegend anders an.

Wer ein Haustier verliert, verliert nicht „nur“ ein Tier, sondern einen Beziehungspartner, einen festen Bestandteil des Alltags, oft ein Familienmitglied. Trotzdem ist die Trauer um Tiere gesellschaftlich bis heute ein Randthema. Sie wird relativiert, belächelt oder mit gut gemeinten, aber oft verletzenden Floskeln beantwortet. Dabei zeigen psychologische Erkenntnisse längst: Die Bindung zwischen Mensch und Tier kann ebenso tief, stabil und prägend sein wie jene zu anderen Menschen. Und der Abschied kann entsprechend schmerzhaft sein.

So wichtig ist die Beziehung zwischen Mensch und Tier

Haustiere nehmen in vielen Leben eine zentrale Rolle ein. „Wir binden uns an ein anderes soziales Wesen, und wenn diese Beziehung wegfällt, entsteht eine Lücke“, erklärt die Dipl. Lebens-und Sozialberaterin Uta Hadacek, die sich mit ihrer Wiener Praxis „Traueroase“ auf die Trauer um Haustiere spezialisiert hat. Diese Bindung ist oft besonders intensiv, weil sie frei von vielen Ambivalenzen ist, die menschliche Beziehungen oft mit sich bringen. Tiere bewerten nicht, sie erinnern nicht an alte Konflikte, sie reagieren unmittelbar und authentisch. „Von ihnen kommt selten negatives Feedback, sondern fast immer etwas Positives zurück“, so Uta Hadacek.

Dass diese Beziehung für viele Menschen eine so tragende Rolle spielt, ist kein Zufall, sondern spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wider. Ein kürzlich veröffentlichter Familienreport des Österreichischen Instituts für Familienforschung zeigt: Mit rund 40 Prozent ist der Einpersonenhaushalt mittlerweile die häufigste Wohnform in Österreich. Gleichzeitig verdeutlichen internationale Studien den Bedeutungswandel: Laut einer US-Umfrage geben rund 70 Prozent der Millennials an, lieber ein Haustier als ein Kind zu wollen. In europäischen Haushalten leben heute bereits mehr Tiere als Kinder. Gerade für Menschen, die allein leben, aber auch für ältere Personen oder jene, deren soziale Netzwerke kleiner geworden sind, kann ein Tier zum wichtigsten emotionalen Bezugspunkt werden.

Hinzu kommt die Konstanz der Beziehung: Über Jahre oder Jahrzehnte bleiben Rituale wie Spaziergänge, Fütterungszeiten oder Pflege gleich und geben dem Alltag einen festen Rahmen. „Wo gibt es sonst eine so stabile Routine über 15 Jahre?“, fragt psychosoziale Expertin Uta Hadacek. Selbst Kinder werden mit der Zeit größer, selbstständiger, brauchen weniger unmittelbare Fürsorge und Aufmerksamkeit. Die Beziehung verändert sich, verschiebt sich, wächst weiter. Beim Haustier hingegen bleibt vieles gleich – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wenn diese Konstante plötzlich wegbricht, fehlt nicht nur ein geliebtes Lebewesen, sondern ein ganzes Lebensgerüst, das über lange Zeit getragen hat.

Wie viel Trauer ist „normal“?

Psychologisch unterscheidet sich die Trauer um ein Tier nicht grundsätzlich von jener um einen Menschen. Auch beim Verlust eines haarigen Gefährten durchlaufen Betroffene klassische Trauerphasen: zunächst Schock und Unglaube, dann intensive Gefühle wie Traurigkeit oder Wut, danach das allmähliche Verarbeiten des Verlusts und schließlich die Neuorientierung im Alltag.
Der große Unterschied liegt oft darin, dass sich viele Menschen diese Phasen weniger zugestehen. Stattdessen ziehen manche rasch ein neues Tier in Erwägung – manchmal aus echtem Wunsch nach Nähe, manchmal, um die Leere möglichst schnell zu füllen. Das kann entlastend sein, muss es aber nicht. Denn auch verdrängte Trauer bleibt bestehen.

Fest steht: Trauer kennt keinen festen Zeitplan. Dennoch gibt es grobe Richtwerte. Beim Verlust einer intensiven Beziehung – ob zu Mensch oder Tier – spricht man von etwa einem Jahr, in dem Trauerwellen immer wieder auftauchen können. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern der Umgang damit. Problematisch wird es, wenn der innere Druck dauerhaft hoch bleibt, wenn Gefühle vermieden oder durch ungesunde Ersatzhandlungen überdeckt werden. Dann kann auch beim Verlust von einem Tier professionelle Unterstützung sinnvoll sein. In Hadaceks Praxis kommen die meisten Menschen sehr früh – oft innerhalb weniger Tage oder bereits in den letzten Lebenswochen des Tieres. „Der Schmerz ist akut, und genau dann braucht es Raum.“

Frau mit Katze
© Pexels/Sam Lion

Gefühlschaos nach dem Verlust eines Haustieres

Wer schon einmal einen geliebten vierbeinigen Freund verloren hat, weiß, dass der Verlust ein Kaleidoskop an Gefühlen mit sich bringen kann. Nicht selten tauchen neben Trauer auch Schuld- oder Schamgefühle auf: Habe ich alles richtig gemacht? War es zu früh oder zu spät? „Diese Gefühle sind kein Hinweis auf Fehler“, betont Uta Hadacek. Sie erklärt, wie wichtig es ist, zwischen objektiver Schuld und dem subjektiven Schuldgefühl zu unterscheiden. „Gefühle lassen sich nicht rational wegargumentieren“, sagt sie. Statt jemandem zu versichern, alles richtig gemacht zu haben, können Fragen wie: „Warum glaubst du das? Wie fühlt sich das an?“, helfen, das Gefühl zu reflektieren. So gewinnen Betroffene ein stimmigeres Verständnis für die Situation – ein Schritt, der oft erleichternd wirkt und die innere Zerrissenheit reduziert.

Genauso normal ist ein ganz anderes Gefühl: Erleichterung. Besonders wenn das Tier lange krank war oder gelitten hat, kann sich eine Art Befreiung zeigen – ein Gefühl, das viele überrascht oder sogar irritiert. Auch dieses Gefühl ist ein Ausdruck von Trauer, weil es den langen Prozess des Abschiednehmens begleitet, und darf genauso wahrgenommen werden. Es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Gefühle. Wichtig ist, dass sie wahrgenommen und nicht verdrängt werden, sagt die Trauerexpertin.

„Es war doch nur ein Hund.“

Sätze wie dieser sind für viele Betroffene besonders schmerzhaft. Warum wird die Trauer um Tiere gesellschaftlich so oft abgewertet? „Vieles ist Selbstschutz“, sagt Hadacek. In unserer Kultur wird über Gefühle wenig gesprochen, stattdessen wird schnell getröstet oder erklärt. Das gilt bei dem Verlust eines Haustieres ebenso wie bei menschlichen. Dabei wäre Empathie oft so einfach. „Man kann sagen: ‚Das ist wirklich schlimm, dass du dein Tier verloren hast‘ – auch wenn man es selbst nicht erlebt hat.“

Trauer braucht keine Bewertung, sondern Resonanz. Was aber, wenn das Umfeld die Trauer nicht versteht? Hadacek rät, sich bewusst Menschen zu suchen, „bei denen Platz dafür ist“. Menschen, die nicht sofort relativieren oder Lösungen anbieten. Eine Frage, die sie in ihrer Arbeit oft stellt, lautet: Was ist das Schlimmste an dieser Situation? Diese Frage führt weg von allgemeinen Aussagen hin zum Kern. Oft ist es nicht der Tod an sich, sondern die Einsamkeit danach, der Verlust von Nähe, von Struktur. Wer das benennen kann, wird wieder handlungsfähig. Schreiben, laut aussprechen, Gefühle notieren – all das hilft, Trauer aus dem Inneren herauszuholen und bearbeitbar zu machen. Allein zu bleiben, so die Trauerexpertin, sei in akuten Phasen selten hilfreich. Wir Menschen seien darauf ausgelegt, schwierige Situationen im Gegenüber zu verarbeiten. Und wenn dieses Gegenüber nicht aus dem engeren Umfeld kommt, kann es auch ein fremder Mensch sein – jemand, der einfach zuhört.

Abschiede gibt es in verschiedenen Formen

Ein zentraler Aspekt, der lange unterschätzt wurde, ist der Abschied selbst. Viele Betroffene berichten von einem Gefühl der Unabgeschlossenheit: Wenn sie die Praxis verlassen, während das Tier zurückbleibt, fehlt der letzte bewusste Moment, um „Lebwohl“ zu sagen – ein Moment, der oft die Trauer erst greifbar macht. Rituale helfen, diesen Übergang zu gestalten.

Tierbestattungen werden zunehmend in Anspruch genommen, ebenso individuelle Abschiedsformen. Von der Einäscherung über Schmuckstücke aus Asche bis hin zu persönlichen Zeremonien. Manche schreiben Briefe, zünden Kerzen an, vergraben Erinnerungsstücke oder geben sie bewusst an einen Ort in der Natur. „Rituale machen Abschied greifbar“, sagt Uta Hadacek. Sie geben dem Verlust einen Rahmen und dem Schmerz einen Platz. Wichtig ist nicht die Form, sondern die Bedeutung für die trauernde Person. Auch kleine Gesten können Halt geben: ein letzter Spaziergang, ein Fotoalbum, ein fester Erinnerungsort in der Wohnung.

Funktionieren oder innehalten?

Nach dem Verlust eines geliebten Haustieres fragen sich viele: Soll ich mich zurückziehen oder hilft es, die gewohnte Routine beizubehalten? Pauschale Lösungen gibt es nicht. Für manche ist Rückzug wichtig, für andere gibt gerade der vertraute Tagesablauf Halt. Arbeit kann stabilisieren, wenn das Umfeld Verständnis zeigt und kleine, konkrete Signale gibt: Nachfragen, ob Unterstützung bei Projekten nötig ist, ob Kundentermine gerade machbar sind oder ein paar Tage Homeoffice entlasten könnten. Entscheidend ist, dass Trauernde ihre Bedürfnisse wahrnehmen und selbst Wahlmöglichkeiten schaffen können, die ihnen guttun.

Rechtlich wird die Trauer um Haustiere bislang nicht anerkannt: Sonderurlaub gibt es etwa für den Verlust von nahen Angehörigen, für das geliebte Haustier bisher nicht. Ob sich dieser Umgang angesichts der wachsenden Bedeutung von Haustieren künftig ändern wird, bleibt abzuwarten.

Was nach dem Verlust eines Haustieres bleibt

Vielleicht zeigt sich im Verlust eines Haustieres besonders deutlich, wie sehr Bindung im Unscheinbaren entsteht. In Routinen, die selbstverständlich geworden sind. In Nähe, die nicht erklärt werden muss. In einer Verlässlichkeit, die sich erst dann bemerkbar macht, wenn sie fehlt. Die Trauer darüber passt nicht immer in gesellschaftliche Raster oder in gängige Vorstellungen von Verlust. Und genau darin liegt ihre Irritation.

Der Abschied von einem Tier fordert keine großen Worte. Er verlangt vor allem Zeit, Aufmerksamkeit und die Erlaubnis, ihn ernst zu nehmen. Nicht, weil Tiere Menschen ersetzen, sondern weil Beziehungen nicht vergleichbar sind. Vielleicht beginnt ein respektvollerer Umgang mit Tiertrauer genau dort: nicht im Gleichsetzen oder Abgrenzen, sondern im Anerkennen dessen, was für jemanden real war. Und was real war, darf fehlen, darf schmerzen und braucht – wie jede andere Form von Abschied – Raum.

Abo

Die Vorarlbergerin können sie unter info@russmedia.com abonnieren.

×