Sofie Royer

Musikerin Sofie Royer: “Ich will keine konkrete Botschaft vorgeben”

Selbstsabotage

5 Min.

© Jasmin Baumgartner

International prämiert, in Wien noch ein Geheimtipp: Musikerin Sofie Royer bewegt sich zwischen Anerkennung und Understatement und entzieht sich damit jeder Schublade.

Normalerweise läuft es anders. Erst Wien, dann die Welt. Nicht so bei Sofie Royer. In Kalifornien geboren, als Tochter einer Österreicherin und eines Iraners aufgewachsen, kam sie mit zwölf nach Wien. Kürzlich wurde sie mit dem Music Moves Europe Award ausgezeichnet, einem Preis für aufstrebende europäische Künstler:innen. Parallel arbeitet sie an einem neuen Album und kuratiert diesen Sommer gemeinsam mit Wolfgang Lehmann das Popfest am Karlsplatz. Trotzdem gilt sie hierzulande für viele noch als Geheimtipp.

Musikalisch bewegt sie sich zwischen Pop, Klassik und Elektronik, sprachlich zwischen Englisch, Deutsch und Französisch. „Ich will keine konkrete Botschaft vorgeben“, sagt Sofie Royer, wenn man sie nach der Message ihrer Songs fragt. Kein Manifest, keine Pose. Ihre Musik soll gefallen, Fantasie anregen, „als Projektionsfläche funktionieren“. Menschen sollen „tagträumen können und in ihrer eigenen Vorstellungskraft versinken“. Im Café Prückel spricht sie darüber, warum Kunst für sie vor allem dann überzeugt, wenn sie Interpretation zulässt, und weshalb sie Wien gerade wegen seiner Unperfektheit so schätzt.

Du bist kürzlich mit dem Music Moves Europe Award ausgezeichnet worden. Wie war das für dich?

Sofie Royer: Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes für mich. Ich war schon öfter für diverse Preise nominiert, habe aber nie gewonnen. Ich habe also nicht wirklich damit gerechnet, dass ich hier jetzt stehen würde. Aber es ist schön. Es fühlt sich gut an, unter so vielen internationalen, spannenden Künstler:innen wahrgenommen zu werden.

Nach so einem Moment: Was steht als Nächstes an?

Ich arbeite gerade an einem neuen Album, das im Spätsommer oder frühen Herbst erscheinen soll. Inhaltlich geht es viel um vorher und nachher, um Transformationen, die man im Laufe der Zeit durchlebt, und darum, wie oft man sich selbst im Weg steht. Man ist ja manchmal tatsächlich sein eigener größter Gegner. Die ersten Singles kommen sehr bald, danach ist eine Tour geplant. Insgesamt umfasst das Album zwölf Tracks, einer davon auf Deutsch, der Rest auf Englisch. Außerdem gibt es einen französischen Chorus.

Nach welchem Gefühl entscheidest du, in welcher Sprache ein Song entsteht?

Spontan, wirklich spontan. Ich bin zweisprachig aufgewachsen, zu Hause mit Farsi und Deutsch, aber groß geworden bin ich in Amerika, Englisch war immer meine Hauptsprache. Mein Wortschatz ist dort einfach größer, da fühle ich mich sicherer. Deutsch ist für mich mehr Pop, etwas simpler. Natürlich würde ich irgendwann auch gerne ein Album nur auf Deutsch machen, aber ich bin bei einem amerikanischen Label, das spielt da schon mit rein. Als ich „Auto“ veröffentlicht habe, fanden sie es trotzdem ziemlich cool, eine deutsche Single zu releasen. Umso surrealer war es dann, den Song auf dem englischen New Music Friday zu sehen, als einzigen deutschsprachigen Track zwischen internationalen Pop-Acts wie Justin Bieber & Co.

Was soll deine Musik auslösen – im besten Fall?

Ich wünsche mir nichts wahnsinnig Tiefgründiges. Die Songs sollen gefallen und die Fantasie anregen. Mir ist wichtig, dass sie als Projektionsfläche funktionieren und den Menschen ein bisschen Freiraum im Alltag geben, der oft sehr von präskriptiven Werthaltungen geprägt ist, was man denken oder fühlen soll. Das ist auch mein Ansatz in der Malerei und generell in allem, was ich künstlerisch mache. Es geht mir darum, dass Leute tagträumen können und in ihrer eigenen Vorstellungskraft versinken. Ich will keine konkrete Botschaft vorgeben. Heutzutage ist Kunst ja oft sehr stark an eine Botschaft gebunden, selbst wenn sie positiv ist – manchmal führt das meiner Meinung nach fast zu einem leicht propagandistischen Ansatz. Meine Lieblingskunstwerke, Bücher oder Musikstücke sind diejenigen, bei denen ich komplett frei fantasieren kann: Ich werde neugierig, bilde mir selbst Geschichten dazu – solche Sachen finde ich spannend, weil sie über die eigene Vorstellung hinausgehen.

Sofie Royer
© Linde Dorenbos

Dein letztes Album „Young Girl Forever“ spielt mit einem Frauenbild, das viele kennen: süß, leicht, gefällig. Wann hast du gemerkt, dass du nicht in bestimmte Strukturen oder Erwartungen reinpasst?

Ich weiß gar nicht, ob mir das lange wirklich bewusst war. In den letzten Wochen hatte ich ein paar berufliche Situationen, die mich zum Nachdenken gebracht haben. Mein Management hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich in gewissen Kontexten möglicherweise anders behandelt werde –
nicht, weil ich eine Rolle verkörpere, sondern weil ich eine Frau bin. Zuerst habe ich das fast von mir gewiesen. Erst im Gespräch mit einer engen Freundin von mir, die selbst in einer nach wie vor stark männerdominierten Branche arbeitet, wurde mir klar, wie strukturell solche Erfahrungen sind. Sie meinte, ihr passiere so etwas ständig. Da habe ich verstanden: Es geht weniger um mich persönlich als um Mechanismen, die Frauen in kreativen Arbeitsfeldern betreffen.

Du hast schon sehr viele Rollen eingenommen: Musikerin, DJ, Produzentin, Malerin. Gibt es eine Seite von dir, die man bisher noch nicht kennt?

Ich habe sehr früh maturiert, mit 16, habe Informatik studiert und im Programmierbereich gearbeitet. Der Grund, weshalb ich bei Boiler Room oder Stone’s Throw arbeiten konnte, waren meine technischen Fähigkeiten – Web- und Development-Kenntnisse. Es war nicht nur mein Musikgeschmack, sondern auch mein technisches Wissen, das mich weitergebracht hat.

Was gibt es in Wien, das dir andere Städte vielleicht nicht geben können?

Ich finde Wien wunderschön, gerade weil es sich nicht komplett der homogenisierten Ästhetik unterwirft, die man durch die Globalisierung in fast jeder Stadt sieht. Ich liebe Paris und arbeite dort viel, aber ein Großteil der Stadt ist für mich schon so ein bisschen „Disneylandification“, wie ich es nenne, geworden –
also wie ein großer Touristenamusementpark. Deswegen sind auch viele Cafés dementsprechend ausgerichtet, nicht alle natürlich, aber viele. In Wien ist man da ein bisschen hinter der Zeit, und genau das liebe ich. Es hat so einen eigenen Charme.

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