Digitale Misogynie

Digitale Misogynie: Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen

Feindbild Frau

14 Min.

© Unsplash/Dynamic Wang

Wie Frauen (digital) abgewertet werden, leiser werden – und wie wir uns alle (!) dagegen wehren, uns Räume für konstruktive Auseinandersetzung zurückerobern und uns gegenseitig für rechtliche Schritte empowern können. Wir sprachen mit Betroffenen und Expert:innen über Digitale Misogynie.

Cindy-Adriana Speich und ihr Mann träumten von einem Neubau. Dann kam alles anders – und beide packten mit an, um aus dem alten Objekt, das sie gekauft hatten, ihr Traumhaus zu zaubern. Während ihr Mann arbeiten ging und sie noch in Elternzeit war, avancierte das Projekt quasi zu ihrem dritten Baby. Schon als sie auf dem Gerüst stand und an der Fassade arbeitete, erkundigten sich irritierte Passanten, was denn „das Mädchen“ – damit meinten sie die zweifache Mutter – da mache, erzählte sie kürzlich in einer ARD-Talkshow.

Sie teilte ihre Projekte auch auf Social Media und plötzlich nahm die Sache so richtig Fahrt auf. Ihr Fanclub explodierte – und parallel dazu das Weltbild von so manchen Männern, die sich offensichtlich von einer geschickten Handwerkerin bedroht fühlten. Sie arbeiteten sich bis in die tiefsten Schubladen hinunter. Von dort holte sie deren Kommentare in ihren Instagram-Feed, um sich über die schäbigen Statements – raffiniert eingebettet in ihre DIY-Videos – lustig zu machen.

Heute hat Cindy-Adriana Speich alias die „Bauleitung“ auf Instagram über eine Million Follower – und ihr Kanal @haus_plan_b ist ein köstlich unterhaltsamer Ort, um sich Inspiration für Haus und Wohnung – UND gegen digitale Belästigung zu holen.

Himmel und Hölle

Rusanda Panfili ist eine erfolgreiche Violinistin – und sie mag Mode. Sie tourte jahrelang als Solistin mit Hans Zimmer und seiner Filmmusik-Show durch die Welt, aktuell ist sie viel mit Andrea Bocelli unterwegs und sie komponiert auch selbst (Film)Musik (beispielsweise für Alexandra Makarovás „Perla“). Es ist gute zehn Jahre her, als sie digitale Räume für sich zu nutzen begann. „Damit öffnest du die Tür für alle. Da draußen können der Himmel und die Hölle warten“, sagt sie. „Du brauchst eine dicke Haut.“ Kritik über eine Künstlerin passiere auf vielen Ebenen, beschreibt sie, sehr häufig gehe es aber nicht um das Können, „viele Kommentare von Männern haben etwas mit meinem Aussehen zu tun“.

Sie war Ende 20 als sie die ersten Konzertvideos hochlud, „ich hatte dabei ein Kleid mit einem ziemlich hohen Beinausschnitt an – und vielen Dank an die Haters: Das hat total Furore gemacht“, sagt sie zynisch. „Das Besondere war, dass die Menschen, die meine Arbeit zu schätzen wissen, mich sofort verteidigt haben, das sorgte für einen richtigen Flow, sodass das Video viral ging.“ Die meisten negativen Anmerkungen betrafen ihr Outfit, sagt sie. Das sei eine wichtige erste Social-Media-Lektion gewesen. „Wenn man Hate bekommt, muss man sich fragen: Würden die mir das ins Gesicht sagen? – Ich glaube nicht.“ Beleidigendes erlebt Rusanda Panfili – man will es kaum glauben – trotz Fanscharen und Gänsehaut-Videos bis heute. „Wenn ich etwas schlimm finde, wenn mich etwas berührt, lösche ich den Kommentar oder blockiere User“, sagt sie.

Die international tätige Künstlerin war auch schon mit Morddrohungen konfrontiert. Sie hatte alles akribisch dokumentiert – und dem Täter in Brasilien eine Anzeige in Aussicht gestellt, „dort drohen sehr hohe Strafen für Online-Bullying“, beschreibt sie. Der Stalker hörte mit den Drohungen auf. An abwertende Kommentare, die in der Flut an Herzen auftauchen, habe sie sich bis zu einem gewissen Grad gewöhnt – und sie strafe diese User oft einfach mit Ignoranz. Von diesem Prozess des sich daran Gewöhnens, von der dicken Haut, die es brauche, berichten Betroffene häufig; darin lauern aber auch Gefahren für uns alle, warnt Digitalexpertin Ingrid Brodnig, dazu später mehr.

Digitaler Frauenhass ist nicht neu, aber Brutalität und Ausmaß haben sich verändert.

Veronika Kracher, Soziologin und Autorin

Abwertung auf LinkedIn

Während der Recherche zu diesem Artikel erhalte ich den Newsletter des jungen digitalen Magazins „Die Chefredaktion“ – mit einem spannenden Cliffhanger: „Melisa (Erkurt, Gründerin des Magazins, Anm.) hat dem ,News‘-Format ein ,Achterl‘ spendiert und für eine ihrer Antworten einen kleinen Shitstorm auf der LinkedIn-Seite von Publizist Peter Plaikner (er hatte sie interviewt, Anm.) kassiert. Was glaubt ihr, für welche Aussage sie kritisiert wurde?“ – Ich lese den Artikel mit dem Titel „Kein Mensch unter 30 ruft mehr eine Website auf“ – ein Zitat von Melisa Erkurt – und staune nicht schlecht über die Diskussion darunter: Bemerkenswert ist nicht, dass viele User:innen nicht mit ihrer Analyse einverstanden sind, sondern wie viel Empörung selbst auf der Business-Plattform vom Zaun bricht.

Die Statements reichen von „Die hatte wohl ein Achterl zu viel“ über „Scheint mir nicht einfach zu sein die Dame“ bis hin zum Kotz-Emoji. – Also einfach herabwürdigen, weil man mit ihrer Meinung nicht einverstanden ist?

Ich kontaktiere die Kollegin. „Das Credo ist ein bisschen: Du musst dich als Frau einfach damit abfinden. Wenn du den Mund aufmachst, kriegst du halt Gegenwind, so dass mir so etwas schon als ganz normal erscheint“, sagt Melisa Erkurt nachdenklich. Die mehrfach preisgekrönte Journalistin schreibt unter anderem regelmäßig Kolumnen für den „Falter“, seit Kurzem betreibt sie mit Marlene Engelhorn den gesellschaftskritischen Podcast „Hinter den Millionen“. Immer wieder bemerkt sie Leute, oft dieselben, „die extra auf mein Profil kommen, nur um etwas Ungutes zu sagen, das nimmt in letzter Zeit zu“, beschreibt sie.

„Es wird häufig angemerkt, dass sich Frauen zurückziehen, wenn sie Hass erfahren. Das habe ich auch an mir beobachtet, dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte, mich öffentlich zu äußern, dass ich ein bisschen meine Gedanken vor solchen Leuten in Sicherheit bringen wollte“, erklärt sie. Wenn Melisa Erkurt beispielsweise eine Keynote halten soll, die man online stellen möchte, lehnt sie schon auch mal ab, um keine Angriffsfläche zu bieten. Es trifft sie hart, wenn die jungen Redakteur:innen ihres Herzensprojekts „Die Chefredaktion“ beleidigt werden; „positive Worte, Unterstützung und wenn der Mehrwert unserer Arbeit gesehen wird, hilft uns sehr, die Stimme immer wieder neu zu finden, das macht Mut“.

Der digitale Hass schwappt auch in die analoge Welt; insbesondere nach ihren investigativen Arbeiten habe sie sich bei Vorträgen immer wieder mal gefragt, ob der eine oder andere wütende Kommentator in den Reihen sitzen könnte. Es falle ihr auch auf, dass starke kritische Stimmen plötzlich von sozialen Medien „verschwinden“ – weil sie sich das nicht mehr antun wollen? Hass und Shitstorms können ganze Existenzen gefährden, gibt Melisa Erkurt zu bedenken, weil mitunter auch der Eindruck geweckt würde, es könnte etwas Wahres dran sein. „Darauf sollten wir uns immer besinnen, sobald wir denken, mit einer Person könnte etwas nicht stimmen.“

Seelische Folgen

Beleidigungen und Drohungen wirken sich auch massiv auf die seelische Gesundheit aus. Eine Interviewpartnerin, die in diesem Zusammenhang anonym bleiben möchte, sagt: „Im Moment habe ich eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Angststörung diagnostiziert bekommen und bin auf medikamentöse Behandlung angewiesen.“ – Kleinkriegen und zum Schweigen bringen will sie sich nicht lassen.

Der Appell der Digitalexpertin Ingrid Brodnig: „Die Betroffenen nie allein lassen.“ Ihr neues Buch „Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können“ (Brandstätter Verlag) steckt nicht nur voller wertvoller Analysen. Sie flechtet auch Tipps für Abwehr- und Verteidigungsmechanismen hinein. Dazu zählen etwa, als Mitlesende eines Shitstorms dagegen zu halten, selbst wenn man nicht die Meinung der betroffenen Person teilt, könne man für eine respektvolle Diskussion plädieren und den Hass verurteilen.

Wer ungern postet, könne das Opfer etwa in einer persönlichen Message oder Email bestärken, „das hilft sehr, denn wenn Menschen den ganzen Tag nur Hasskommentare erleben, kann sich ihre Weltwahrnehmung verschieben, sie wird düsterer. Ein Gefühl von Isolation kann sich breit machen. Darüber habe ich mit der Psychologin Dorothee Scholz gesprochen. Wenn nun andere Leute schreiben, ,das hast du nicht verdient‘, ist das ein gutes Gegengewicht.“

Es helfe auch, sich vor Augen zu halten: Die, die posten, sind nicht alle. „Zum Beispiel besteht die Gefahr, dass Betroffene zum Bäcker gehen und sich fragen: Ist der auch einer, der mir solche Nachrichten schickt? Aber: Die meisten Menschen tun das nicht – sie lehnen diese Gewalt sogar ab.“ Eine empfehlenswerte Strategie sei auch das Buddy-System, also Smartphone bzw. Zugangsdaten zum Social-Media-Profil einer Vertrauensperson zum Filtern und Löschen von Kommentaren zu geben, um nicht permanent von verletzenden Dingen belastet zu werden.

Rechtliche Schritte

Der Weg ist zwar sowohl in Österreich, als auch in Deutschland bis dato hürdenreich, aber: Eine besonders effektive Form der Gegenwehr sind rechtliche Schritte, insbesondere wenn sie öffentlichkeitswirksame Früchte tragen, betont Ingrid Brodnig. Zu den wichtigsten Verfahren zählt jenes der deutschen Politikerin Renate Künast. Postings, in denen sie etwa als „Drecks Fotze“ bezeichnet wurde und wo es hieß, „Knatter sie doch mal einer so richtig durch, bis sie wieder normal wird!“, befand ein Gericht für „hinnehmbare Polemik oder Kritik an einer Politikerin“, beschreibt Ingrid Brodnig. Man sah darin keine Beleidigung. Das löste eine riesige Debatte aus – und drei Jahre und eine Verfassungsbeschwerde später sowie mit Unterstützung der Organisation HateAid wendete sich das Blatt: Das deutsche Höchstgericht gab Renate Künast Recht; Machtkritik sei zwar legitim, aber kein Freibrief, Politiker:innen zügellos herabzuwürdigen.

Ein Beispiel aus Österreich: 2024 verhängte der Oberste Gerichtshof eine wegweisende Strafe gegen einen Facebook-Nutzer, der falsche Behauptungen auf seinem Profil teilte, die eine Person diskreditierten; es waren Hunderte Personen am Shitstorm beteiligt, doch er musste für den Gesamtschaden aufkommen, weil es nicht zumutbar sei, dass ein Opfer alle Beteiligten klagen müsse.

Gefährliche Orte und Grok

Dass Ingrid Brodnig in ihrer aktuellen Arbeit Frauen in den Fokus rückt, ist kein Zufall. Zwar existiere digitale Gewalt auch gegen Männer, sie unterscheide sich aber deutlich in der „Qualität“. „Bei einer Frau geht es oft um ihr Geschlecht und um ihr Aussehen, ihr werden pauschal Kompetenz und Intelligenz abgesprochen. Beleidigungen und Bedrohungen sind häufig grausig sexualisiert, es kommen beispielsweise Vergewaltigungsdrohungen“, beschreibt sie.

Und Frauen reagieren zumeist auch anders als Männer, „sie ziehen sich eher zurück“. Das hänge damit zusammen, dass häufig ihre Intimsphäre verletzt wird – und damit, „dass schon Mädchen in einer Welt groß werden, wo es sehr viel sexualisierte Gewalt gegen Frauen gibt, wo sie früh lernen, darauf zu achten, ob ein Ort gefährlich für sie sein könnte“.

Hass kann ein Mittel zum Zweck sein, um Frauen wieder an „ihren Platz“ zu verweisen

Ingrid Brodnig, Digitalexpertin

Einer dieser Orte: die Plattform des KI-Chatbots Grok, ein Tool des Social-Media-Riesen X. Damit werden weltweit Frauen (digital) entkleidet, im Februar wurde ein Minderjähriger von einer steirischen Schule suspendiert, weil er sexualisierte Bilder von Mitschülerinnen erstellt haben soll. Neben dem Belangen der Täter, fordern Expert:innen mehr und effektive Regeln für Anbieter. Ingrid Brodnig beobachtet gespannt auch das Vorgehen der EU-Kommission, „ob sie sich als zuständige Behörde wirklich traut, den großen Plattformen auf die Füße zu steigen, wenn sie zu wenig Verantwortung zeigen“. Es brauche klare Konsequenzen, beispielsweise empfindlich hohe Strafen, Elon Musks X sei mittlerweile ein Tool, „auf dem sich Extremisten fröhlich austauschen“. Mark Zuckerbergs Meta habe kürzlich die Regeln geändert, wonach es etwa nicht mehr untersagt ist, Frauen als „Haushaltsobjekt“ zu bezeichnen.

Frauenhass im Mainstream

Worum geht es nun, wenn etwa die frühere deutsche Vize-Bundestagspräsidentin Yvonne Magwas zunächst online angefeindet wird und später eine voll onanierte Deutschland-Flagge zugeschickt bekommt? Wenn Politikerinnen bedroht werden und sie ihr Porträtfoto in pornografischen Fotocollagen wiederfinden? Hasskommentare können zum Beispiel ein Mittel zum Zweck sein, „um den eigenen Status zu erhalten, Frauen, aber auch Minderheiten wieder auf ,ihren Platz‘, also weg von der Bühne zu verweisen“, sagt Ingrid Brodnig.

Die deutsche Soziologin Veronika Kracher formuliert es so: „Antifeministen und autoritäre Männer fühlen sich durch feministische Kritik und durch selbstbewusste intellektuelle Frauen ganz konkret in ihrer Vorherrschaftsposition angegriffen: Sie meinen, diese Feministinnen wollen mir die Meinung verbieten, die wollen ein Feminat aufbauen, in dem alle Männer kastriert und ins Feminismus-Gulag geschickt werden.“

Sie veröffentlichte im Februar „Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen“ (Verbrecher Verlag). Die Initialzündung für ihr Buch habe ihr der Prozess zwischen Johnny Depp und Amber Heard 2022 geliefert, „der mit einer beispiellosen Zurschaustellung von Misogynie einherging“. Zur Erinnerung und sehr verkürzt: Der Schauspieler hatte seine Exfrau wegen Verleumdung geklagt, nachdem sie ihm öffentlich häusliche Gewalt vorgeworfen hatte. „Selbst wenn Amber Heard eine Lügnerin gewesen wäre, war die Welle an Hass und Häme viel größer als das, was im Vergleich dazu teilweise verurteilte Vergewaltiger bekommen“, sagt Veronika Kracher.

Wenn der Mehrwert unserer Arbeit gesehen wird, hilft das, unsere Stimmen immer
wieder neu zu finden.

Melisa Erkurt, Gründerin „Die Chefredaktion“

Seit mehr als zehn Jahren beleuchtet sie kritisch Herrschaftsverhältnisse und gesellschaftliche Phänomene, zuletzt etwa auch mit dem Buch „Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ (Ventil Verlag).

Als „antifaschistische Feministin“, wie sie sich selbst bezeichnet, erfuhr sie bereits schlimme Anfeindungen und Drohungen. „Frauen wird zugeschrieben, dass sie fürsorglich sein sollen, dass sie Wärme und Anerkennung schenken sollen, aber nicht, dass sie Kritik üben sollen“, erläutert sie. Neben einigen Mechanismen, damit umgehen zu können, wie etwa, „sich die eigene politische Handlungsmächtigkeit vor Augen zu halten“ und sich gut eingebettet in einem feministischen Bündnis zu fühlen, sei es auch essenziell, sich bewusst zu machen: „Ich bin eine Projektionsfläche, ich werde als Frau angegriffen, die in der Öffentlichkeit steht – das soll auch immer als Warnung funktionieren, um anderen marginalisierten Menschen, die Ungerechtigkeit kritisieren, zu sagen: ,Lehnt euch nicht zu weit aus dem Fenster.‘“

Obwohl Frauenhass und Queerfeindlichkeit in digitalen Räumen nichts Neues seien, „haben sich das Ausmaß und die Brutalität verändert. Aussagen, die vor gut zehn Jahren nur in nischigen Incel-Foren aufzufinden waren, sind heute im digitalen Mainstream angekommen“, sagt Veronika Kracher. Das befeuern verschiedene Phänomene, wie etwa das sogenannte „Norm-Learning“, wie Ingrid Brodnig beschreibt, wonach derbe Kommentare auch jene motivieren, die von sich aus zwar nichts dergleichen gepostet hätten, aber nun enthemmt aufspringen.

Zudem haben sich Plattformlogiken massiv verändert, sagt Veronika Kracher. Sie würde nicht auf Social Media verzichten wollen, „es hat sehr viel dazu beigetragen, feministische Inhalte zu pushen. Denken wir beispielsweise an die feministischen Proteste im Iran oder an die MeToo-Bewegung“. Das Problem liege darin, „dass Plattformen kein Interesse haben beispielsweise gegen Desinformation vorzugehen, weil Empörungsmaterial Traffic und somit Geld bringt“, weiß Veronika Kracher.

Hornhaut auf der Seele

„Die Politikerin Renate Künast hat zu mir gesagt, als Politikerin hat man in der Regel schon ein bisschen Hornhaut auf der Seele“, erzählt Ingrid Brodnig. Das sei in ihrem Fall leider nachvollziehbar, die meisten hätten schon viel Sexismus und Konflikte erlebt, „aber ich sehe das auch als eine Gefahr, dass wir eine Gesellschaft werden, in der wir alle Hornhaut auf der Seele haben müssen, um an der öffentlichen Debatte teilnehmen zu können. Das ist nicht gut für eine Gesellschaft“.

Mit Social Media öffnest du die Tür für alle, es können Himmel und Hölle warten.

Rusanda Panfili, Violinistin

Dass uns die Verbreitung von Empörung und digitalem Hass prinzipiell nicht gut tut, und zwar unabhängig von unserem Geschlecht, spüren viele von uns nicht nur subjektiv; Ingrid Brodnig zitiert in ihrem Buch aus einer spannenden Befragung, die eine klare Diskrepanz aufzeigt: zwischen den Inhalten, die viral gehen, und denen, die die Befragten finden, dass sie viral gehen sollten. Das legt nahe, dass sich Unzufriedenheit breit macht, „die Menschen nutzen Social Media aber weiter, weil sie durchaus positive Seiten für sie haben, wie Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten, aber auch, weil diese Apps genau so designt sind, die Aufmerksamkeit an sich zu reißen, auch Zeit zu verschwenden. Es kann sein, dass viele mehr auf Social Media sind, als sie eigentlich wollen.“ Das sei eine wichtige Erkenntnis, so

Ingrid Brodnig weiter, „weil wir auch bei anderen Konsumgütern mit Schattenseiten, wie Tabak oder Alkohol, Schutzmechanismen auferlegen“. Es brauche also auch bei Social Media eine zusätzliche Aufsicht. „Wir können nicht allein auf das Verantwortungsbewusstsein von Social-Media-Unternehmen setzen, weil dort zu stark das Interesse sein wird, das nächste Quartal gut abzuschließen und vielleicht unser gesellschaftliches Interesse davon abweicht.“

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