Das Gesicht einer Frau mehrmals verteilt in Kaleidoskop-Optik

Perspektivenwechsel: Warum PCOS jetzt PMOS heißt

Ein neuer Blick auf Frauengesundheit

5 Min.

© Unsplash/ Diana Hauan

PCOS ist Geschichte, zumindest dem Namen nach. Seit Mai 2026 heißt das bisher als Polyzystisches Ovarialsyndrom bekannte Krankheitsbild offiziell PMOS – Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom. Was zunächst nach einer medizinischen Formalität klingt, ist tatsächlich ein Perspektivwechsel: Denn die Erkrankung betrifft weit mehr als die Eierstöcke. Hormone, Stoffwechsel, Zyklus, Haut, Haare, Gewicht und Fruchtbarkeit können zusammenspielen. Warum es den neuen Namen braucht, was sich dadurch für Betroffene ändert und warum eine Diagnose nicht das Ende des Kinderwunsches bedeutet, erklärt Dr. Alena Pichler, Leiterin des Wunschbaby Instituts Baden und Expertin für PMOS und hormonelle Störungen, im Gespräch.

Porträt von Dr. Alena Pichler
© Nuno Filipe Oliveira

Im Gespräch mit Dr. Alena Pichler

Warum wurde aus PCOS jetzt PMOS?

Die bisherige Bezeichnung „Polyzystisches Ovarialsyndrom“ war irreführend. Zum einen haben die meisten Betroffenen gar keine Zysten im eigentlichen Sinn, sondern viele kleine, normale Eibläschen. Zum anderen vermittelt der Name den Eindruck, dass die Erkrankung ausschließlich die Eierstöcke betrifft. Tatsächlich handelt es sich um eine komplexe hormonelle und stoffwechselbedingte Erkrankung, die den gesamten Organismus beeinflussen kann. Der neue Name PMOS – Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom – beschreibt diese Zusammenhänge deutlich besser.

Was steckt in dem neuen Namen?

Jeder Bestandteil des Namens hat eine Bedeutung: „Polyendokrin“ verdeutlicht, dass mehrere Hormonsysteme beteiligt sind. „Metabolisch“ weist darauf hin, dass Stoffwechselstörungen – insbesondere eine Insulinresistenz – eine zentrale Rolle spielen können. „Ovarial“ bleibt erhalten, weil Funktionsstörungen der Eierstöcke, wie unregelmäßige Zyklen und Störungen des Eisprunges, weiterhin ein wesentliches Merkmal der Erkrankung sind. Der neue Name beschreibt die Erkrankung damit wesentlich vollständiger als PCOS.

Hat sich unser Verständnis der Erkrankung damit grundlegend verändert?

Nein. Unser Verständnis hat sich nicht plötzlich verändert – vielmehr spiegelt der neue Name den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand wider. Schon seit Jahren wissen wir, dass PMOS weit mehr ist als eine Erkrankung der Eierstöcke. Neu ist, dass dieses Wissen nun auch im Namen der Erkrankung sichtbar wird.

Welchen Einfluss haben die neuen Erkenntnisse auf die Diagnostik?

Die diagnostischen Kriterien bleiben zunächst unverändert. Die Diagnose stützt sich weiterhin auf Zyklusstörungen beziehungsweise fehlende Eisprünge, Hinweise auf erhöhte Androgene und – je nach Alter – die typische Ultraschallmorphologie der Eierstöcke. Neu ist vor allem der stärkere Fokus auf die metabolische Gesundheit, sodass Blutzucker, Blutdruck und weitere Risikofaktoren systematisch mitbeurteilt werden.

Wie zeigt sich PMOS genau?

PMOS ist eine der häufigsten hormonellen Erkrankungen von Frauen im reproduktiven Alter. Typisch sind unregelmäßige oder ausbleibende Eisprünge, erhöhte Androgenspiegel und – bei vielen, aber nicht allen – eine typische Ultraschallmorphologie der Eierstöcke. Die Ausprägung ist sehr unterschiedlich: Manche Frauen haben hauptsächlich Zyklusstörungen, andere leiden vor allem unter Hautproblemen, Gewichtsproblemen oder einem unerfüllten Kinderwunsch.

Welche Rolle spielen Hormone und Stoffwechsel?

Hormone und Stoffwechsel sind eng miteinander verknüpft. Viele Betroffene weisen eine Insulinresistenz auf. Erhöhte Insulinspiegel können wiederum die Androgenproduktion in den Eierstöcken fördern und dadurch Eisprungstörungen, Akne oder verstärkte Körperbehaarung begünstigen. Gleichzeitig beeinflussen hormonelle Veränderungen den Stoffwechsel – daher ist PMOS eine Erkrankung, die beide Systeme umfasst.

Wie häufig ist PMOS – und warum wird es trotzdem so oft übersehen?

PMOS betrifft etwa jede achte Frau – das sind 170 Millionen Frauen weltweit – im reproduktiven Alter und gehört damit zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen überhaupt. Trotzdem bleibt sie häufig unerkannt oder wird erst nach Jahren diagnostiziert. Ein Grund dafür ist, dass die Symptome sehr unterschiedlich sein können und der frühere Name viele Ärztinnen und Ärzte sowie Betroffene zu stark auf die Eierstöcke fokussiert hat. Genau hier soll die Umbenennung zu mehr Aufmerksamkeit beitragen.

Welche Symptome sollten Frauen ärztlich abklären lassen?

Unregelmäßige oder ausbleibende Menstruationen, unerfüllter Kinderwunsch, Akne, vermehrte Körperbehaarung, Haarausfall nach männlichem Muster oder unerklärliche Gewichtszunahme sollten ärztlich abgeklärt werden.

Was bedeutet PMOS für die Fruchtbarkeit, und bedeutet die Diagnose automatisch einen unerfüllten Kinderwunsch?

Nein, keineswegs. PMOS ist zwar die häufigste Ursache für Ovulationsstörungen und damit für einen unerfüllten Kinderwunsch, aber die allermeisten Frauen können mit einer individuell angepassten Behandlung schwanger werden. Oft reichen bereits eine Lebensstiloptimierung oder Medikamente zur Auslösung des Eisprungs aus, in anderen Fällen kommen moderne reproduktionsmedizinische Verfahren zum Einsatz.

Wie wird PMOS heute behandelt?

Die Behandlung richtet sich immer nach den individuellen Beschwerden und Lebenszielen. Ohne Kinderwunsch stehen Zyklusregulation, Behandlung der erhöhten Androgene sowie die Prävention langfristiger Stoffwechselfolgen im Vordergrund. Bei Kinderwunsch kommen Medikamente zur Eisprunginduktion und bei Bedarf reproduktionsmedizinische Verfahren wie IVF zum Einsatz. Gleichzeitig bleibt eine Lebensstiltherapie ein wichtiger Bestandteil jeder Behandlung.

Welche Rolle spielen Ernährung, Bewegung und Lebensstil?

Sie sind ein Grundpfeiler der Behandlung. Regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und Stressmanagement können die Insulinsensitivität verbessern, den Zyklus stabilisieren und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Dabei geht es nicht um Perfektion oder kurzfristige Diäten, sondern um langfristig umsetzbare Veränderungen.

Was wünschen Sie sich, dass Frauen über PMOS wissen?

PMOS ist eine häufige, ernstzunehmende, aber gut behandelbare Erkrankung. Sie betrifft nicht nur die Fruchtbarkeit, sondern die gesamte Gesundheit. Eine frühe Diagnose ermöglicht es, Beschwerden gezielt zu behandeln und langfristigen Folgen vorzubeugen. Und ganz wichtig: Die Diagnose bedeutet keineswegs, dass eine Schwangerschaft unmöglich ist. Mit einer individuell abgestimmten Betreuung haben die meisten Frauen sehr gute Chancen auf ein gesundes Leben – und bei Kinderwunsch auch auf eine erfolgreiche Schwangerschaft.

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