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Die Konkurrenz ist groß – und trotzdem lesen wir noch. Aber anders. Wie und warum wir unsere Zeit weiterhin für Bücher nützen sollten, welchen Mehrwert Hörbücher haben und welches Feld wir lieber nicht der KI überlassen.
Platon war skeptisch: Welche Folgen wird es haben, wenn sich alle alles aufschreiben können? „Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden“, lautet eine Übersetzung. Es gibt eine Vielzahl an Interpretationen der entsprechenden Stelle in seinem „Phaidros“, zwei Punkte dürften aber auf der Hand liegen: Es handelt sich um eine rund 2.400 Jahre alte Medienkritik – und der griechische Philosoph schien in Sorge, mit der Verbreitung der Schrift würden die Merkfähigkeit der Jungen und die Gesprächskultur negativ beeinflusst.
Vor dem Hintergrund der heutigen Smartphone- und Social-Media-Debatte mutet das fast schon ironisch an. Dass besonders das junge Gehirn gehegt und gepflegt werden muss, damit hatte er jedenfalls recht. Die Wissenschaft geht davon aus, dass dessen Reifung erst mit etwa 25 Jahren abgeschlossen ist; ein Großteil der Vernetzungsarbeit passiert in den Jugendjahren. Nicht ohne Grund plädieren mittlerweile Expert:innen für eine Regulierung von Smartphone-Zeiten und einem Einstieg in Social Media und Co. so spät wie möglich.
Verlockungen
Aber auch wir Erwachsene widerstehen der Verlockung schwer. „Unser Gehirn ist seit der Steinzeit darauf optimiert, neue Reize wahrzunehmen. So hält es uns am Leben. Passiert irgendetwas, analysiert es sofort, ob Gefahr droht. Auf die Kurzvideos übertragen: Jedes Flackern, jedes neue Geräusch, jeder abrupte Schnitt könnte auf eine Bedrohung hindeuten oder (…) auf eine potenzielle Nahrungsquelle oder eine Fortpflanzungsgelegenheit. Aus diesem Grund sind wir von diesen Reizmaschinen so gefesselt“, sagte die deutsche Neurowissenschaftlerin Maren Urner kürzlich in einem Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Spektrum. Im Vergleich zu Social Media sei das Lesen einer Buchseite anstrengend – und die Wiener Autorin und Buchhändlerin Petra Hartlieb hört nicht selten: „Ich kann nicht mehr lesen, haben Sie Tipps für mich?“ (Hat sie – siehe unten)
Können wir uns nicht mehr so gut aufs Lesen konzentrieren und tun es daher weniger? – In Annika Ahrens-Schwabe fanden wir eine Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin sowie Forschende an der Universität Wien, Institut für Germanistik, die den kulturpessimistischen Meinungen durchaus Positives entgegenzusetzen weiß. Zuletzt untersuchte sie beispielsweise die Digitalisierung von Lesen, aktuell arbeitet sie an einem Projekt zu Audiobook-Reading.
Lesen als klarer Vorsatz
„Wir sind heute von extrem vielen neuen Ablenkungen umgeben, da geht es nicht nur um Social Media. Gab es vor 20 Jahren nichts Gutes im Fernsehen, hat man vielleicht gelesen – jetzt kann man sich mit Netflix und Co. selber das Fernsehprogramm zusammenstellen“, schickt sie voraus. „Umgekehrt haben die Menschen heute viel mehr Möglichkeiten, unterwegs oder wenn sie auch nur kurz Zeit haben, zu lesen. Früher wartete man an der Bushaltestelle einfach, heute öffnet man vielleicht die App einer Tageszeitung oder liest ein E-Book, das man sich auf das Handy geladen hat.“
Wer lesen möchte, brauche den klaren Vorsatz, sagt die Wissenschaftlerin. Wie weit sich Erwachsene – zu Kindern kommen wir später – ablenken lassen, liege nach wie vor weitgehend in unserer Hand. „Es gibt sicher einige Kolleg:innen, die mir widersprechen, aber ich komme zum Schluss: Wenn sich die Menschen bewusst die Zeit nehmen, können sie sich auch heute gut auf ein Buch konzentrieren – und zwar sogar am Smartphone“, sagt Annika Ahrens-Schwabe. „Es gibt beispielsweise Eye-Tracking-Studien, die zeigen, wenn die Menschen auf dem Handy lesen und sehen, dass eine Nachricht kommt, dass sie in einer kurzen Sekunde entscheiden können, ob sie sie für relevant halten – oder sie sofort zum Buch zurückkehren.“ Der Vorsatz beinhaltet in diesem Zusammenhang freilich auch, die Benachrichtigungsfunktion von Apps zu reduzieren.
Ablenkungen habe es aber immer schon gegeben. Dass man über einem Buch rundherum alles ausblenden kann, hält die Forscherin eher „für eine romantisierte Idee“ von Lesen. „Was wir im Flow-Zustand vergessen können, ist die Zeit.“ Für Erwachsene gilt: Je mehr wir lesen – und zwar unabhängig vom Medium –, desto besser werde die Lesekompetenz.
Frei von Optimierung
Lesen zum Vergnügen sollte aber frei von selbst auferlegten Regeln sein, sei es Tempo oder Titel betreffend, findet die Wissenschaftlerin. „Wir haben Daten, die zeigen, dass sogenannte ,Klassiker‘ oft nicht zu Ende gelesen oder gehört werden. Im schlechtesten Fall kann das sogar dazu führen, dass die Menschen weniger lesen, weil sie sich vorgenommen hatten, unbedingt Klassiker lesen zu müssen.“
Dass sich Audiobooks aktuell großer Beliebtheit erfreuen, wertet sie mehrfach positiv. „Viele Hörbuchhörer:innen beschäftigen sich mehr mit Literatur als Menschen, die ausschließlich Bücher lesen, weil sie auch in Situationen hören, in denen man gar nicht lesen könnte, wie beim Spazieren oder beim Kochen. – Außerdem gaben in unseren Fokusgruppen einige Interviewpartner:innen an, sie hätten das Gefühl, beim Hörbuchhören sei jemand da, es hat also subjektiv das Gefühl von Einsamkeit verringert.“
Analoge Kindheit
Bei Kindern empfiehlt die Psychologin und Kommunikationswissenschaftlerin klar einen „Back to the roots“-Ansatz; Vorlesen und Vorbildfunktion seien bis heute zwei wichtige Schlüsselwörter. „Obwohl ich auch viel digital lese, wenn meine Kinder in der Nähe sind, greife ich bewusst zu Büchern; bei einem Smartphone sehen sie sonst bis zu einem bestimmten Alter gar nicht, was ich da mache.“ – Und: „Kinder sollten auf jeden Fall zunächst lernen, gedruckt zu lesen. Digitale Medien und das Hin- und Herspringen in verschiedenen Texten beeinflussen den Lernprozess negativ, ein Buch linear lesen zu können“, sagt Annika Ahrens-Schwabe. „Lesekompetenz ist und bleibt ein fundamentaler Skill“, der in der Schule stets einen entsprechenden Stellenwert haben müsse.
Miteinander lesen
Neben Wissen und Unterhaltung biete Lesen auch eine gute Möglichkeit, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen – beispielsweise in Bücherclubs, beschreibt sie. Einen solchen gründeten etwa Schauspielerin Lilian Klebow, Moderatorin Teresa Vogl und Kommunikationsexpertin Liane Seitz; unter dem Titel „MQ FEB“ (Female Empowerment Buchclub) lädt das Trio zu Lesungen und Gesprächen. Live-Gast ihres Events bei der „Buch Wien“ war kürzlich die Kulturwissenschaftlerin und Geschlechterforscherin Beatrice Frasl – mit „Entromantisiert euch“. „Bücher entschleunigen nicht nur, man kann abends mit großartigen Gedanken, wie sie beispielsweise Beatrice Frasl erdacht hat, schlafen gehen und hat morgens neue Ideen“, sagt Lilian Klebow. „Dass wir die Ressource von Vordenker:innen anzapfen und uns mit dem komprimierten Ergebnis ihrer langen Denkprozesse auseinandersetzen dürfen, ist besonders schön – das ist ein gesellschaftliches Kapital“, ergänzt Teresa Vogl. Ausgewählt werden Werke aus allen Genres, von Sachbüchern über Graphic Novels bis hin zu Romanen; der Austausch des Publikums und daraus entstehende weitere Kooperationen sind ein Herzstück der Initiative.
Damit sie ihre Leidenschaft trotz voller Tage leben können, brauche es Regeln und Rituale, sagt das Duo. Wenn etwa ein Tag sehr lange dauert, ersetzt danach Lilian Klebow ihre Morgenmeditation durch Lesen, Teresa Vogl verbannt das Handy aus der Nähe, wenn sie sich in ein Buch vertiefen will.
Sie beide sind überzeugt: Bücher können die Welt verändern. „Jahrtausende hindurch wurde gelesen, was Männer schrieben, heute werden Frauen aus der Geschichte geholt, wir lesen Autorinnen wie Rebecca Solnit oder eben Beatrice Frasl, die sagt: Denken wir doch die Gesellschaft neu. Das ist eine historische Chance“, sagt Lilian Klebow. „Bücher ermöglichen so viele verschiedene Perspektiven: Wie andere Menschen auf die Welt schauen, mit Problemen umgehen, man kann durch Bücher viele Leben leben, das fördert das Verständnis füreinander – und das, was unsere Welt dringend braucht: Empathie.“ (Nächste Veranstaltung: 7. März 2026.)
Wie geht es weiter?
Aktuell scheint inhaltlich Diversität zu boomen, doch genau das könnte in naher Zukunft bedroht sein, wenn wir das Feld der KI überlassen, gibt Annika Ahrens-Schwabe abschließend zu bedenken. Wenngleich mittlerweile auch KI-Bücher von Menschen positiv bewertet werden, würde das auf lange Sicht bedeuten, „dass Literatur zu einem Einheitsbrei wird, weil KI jeweils genau die Muster ablaufen lässt, die aktuell erfolgreich sind“. Diversität in der Literatur nähren hingegen in jüngster Vergangenheit auch Fanfiction, Webnovels und Co. – ein Genre, das online erscheint und häufig Raum für Empowerment von Frauen und queere Community bietet.
Die Buchhandlung ums Eck sollte man aber weiterhin nicht nur wegen ihres Charmes besuchen. Die Kommunikationswissenschaftlerin und Leseforscherin plädiert für einen guten Mix, „denn wenn wir ausschließlich digital lesen, werden Algorithmen Titel aus eben dem Bereich vorschlagen, aus dem wir ohnehin lesen, während ein:e Buchhändler:in aus unterschiedlichen Genres eine Auswahl treffen und Empfehlungen geben kann“.
Tipps für viel Lesegenuss
Petra Hartlieb, Autorin, Podcasterin und Buchhändlerin in Wien, empfiehlt:
- Handy in einen anderen Raum verbannen und/oder abdrehen (nicht beim Lesen googeln).
- Lesen als fixe Quality Time einplanen.
- Gutes Licht, gute Brille, gemütlicher Sessel.
- Wenn man selten liest, nicht mit dem dicksten Buch beginnen (man läuft auch nicht ohne Training gleich einen Marathon)
- (Auch) vor dem Schlafengehen lesen (statt Insta-Scrollen)
- Keine Scheu haben, ein Buch nach etwa 20 Seiten wegzulegen, wenn es nicht gefällt.
- Titel von Buchhändler:innen empfehlen lassen.
- Gemeinsam lesen, unabhängig davon, was jede:r liest, bzw. zum Silent Book Reading gehen.
- Als wir uns sprachen, las sie: Dimitré Dinev: „Zeit der Mutigen“ (Kein+Aber, Österr. Buchpreis).
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