Frau hört auf einem Walkman Musik

Warum wir uns nach analogen Medien sehnen

Techniknostalgie

7 Min.

© Pexels/Cottonbro Studio

Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein und die Vergangenheit wirkt einladender denn je – auch wenn damals natürlich nicht wirklich alles besser war, setzt uns die Nostalgie eine rosarote Brille auf, die nur schwer abzulegen ist. Analoge Medien werden dabei zu einer Art Eskapismus aus einer schnell-lebigen, hyperdigitalisierten Welt, in der Technologie oftmals den höchsten Stellenwert einnimmt. Der Technikhistoriker Kurt Möser beobachtet dieses Phänomen schon lange. „Wir haben es ständig mit neuen Wellen von Innovationen zu tun“, erklärt er. „Auf bestehende Technik wird immer wieder neue draufgesetzt. Aber was oft verloren geht, ist die Erkenntnis, dass alte Technologien ja nicht verschwinden.“ Dampfturbinen, Fernsehen oder Schallplatten: Sie alle sind noch da.

Warum wir analoge Medien immer noch lieben

Die Medienwissenschaft liefert dafür eine klare Erklärung: das sogenannte Rieplsche Gesetz, welches besagt, dass neue Medien die alten Medien nicht vollkommen verdrängen. Wenn neue Medien alte ablösen, dann passen sich die alten in Form und Funktion an. Grob gesagt: Video hat den Radio Star nicht gekillt; die Schallplatte wurde zur CD. Wir entwickeln also immer neue Medien, während ihre „Vorgänger“ weiterhin in Betrieb sind. Möser fügt hinzu: „Immer, wenn neue Technologien vermeintlich das Alte ersetzen, kommen plötzlich ganze Personengruppen, die das Alte hochschätzen, pflegen und eine Faszination dafür entwickeln.“ Dabei geht es nicht nur um nostalgische Fantasien, sondern auch um konkrete Eigenschaften wie Zugänglichkeit und Reparierbarkeit. „Das Alte hat eben auch Qualitäten, die das Neue schon verloren hat.“

Der Digicam-Hype ist real

Dass Filmfotografie zum Trend geworden ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Doch ein neuer Fotografie-Hype ist durch die sozialen Medien aufgekommen: kompakte Digitalkameras. Die Camera and Imaging Products Association gibt an, dass die Verkäufe von 2024 zu 2025 um 110 Prozent gestiegen sind; der Hashtag #digitalcamera zählt auf TikTok mehr als eine halbe Million Videos. Niedrige Megapixelzahl, blendendes Blitzlicht, lebendige Farben und ein verrauschtes Bild zeichnen die Digicams aus, deren Look bei der jungen Generation Anklang findet. „Auch die Qualitäten, über die wir damals geflucht haben, sieht man doch wieder positiv“, erklärt Möser. Die Gen Z kennt die überbelichteten Schnappschüsse schließlich noch von ihren eigenen Babyfotos oder aus Familienalben.

Darum liegen MP3-Player jetzt im Trend

MP3-Player gelten im Zuge des Y2K-Comebacks als das (wirklich) neueste Retro-Teil, das man sich jetzt kaufen sollte, wie auch die Google Trends bestätigen: Die relative Popularität des Suchbegriffes stieg von 28 im August 2024 auf 100 im August 2025 an. Während der Abschied der Musikplayer noch nicht allzu lange her ist, gilt auch hier Nostalgie als Selling Point. Insbesondere die Generation Z, die zu großen Teilen selbst mit MP3-Playern aufgewachsen ist, sucht Zuflucht im 3,5 mm Klinkenstecker.

Was die Player von anderen Musikträgern unterscheidet, ist, dass sie am ehesten das längst erlernte Gefühl und Interface von Streamingdiensten imitieren können. Eigene Playlists statt ganze Alben, Lyrics und Cover am Bildschirm, manche spielen sogar Videos ab. Dabei gilt es nicht nur, den alten Player aus der Kinderzimmerschublade zu kramen, auch der Kauf von neuen Geräten wird gefördert. „Immer wieder kommen über das Jahr verteilt neue Retro-Geräte auf den Markt – und fast alle sind mit digitalen und smarten Features, wie sie heute Standard sind, ausgestattet“, gibt eine Unternehmenssprecherin von MediaMarkt zu wissen. Es sind also spannenderweise oftmals neu produzierte Player, die die damalige Ästhetik aufgreifen. „Das Alte ist dann eben nicht mehr das Alte“, sagt Möser, „sondern es simuliert nur das Alte.“

Am liebsten wird die Musik jetzt außerdem wieder mit Kabelkopfhörern genossen, die eigentlich seit dem Aufkommen von Bluetooth-Kopfhörern als obsolet galten. Dabei wird die Technik zu einem modischen Statement – der Trend hin zu analogen Medien ist also nicht nur ein rein emotionaler, sondern auch ein individualistischer. „Selbstinszenierung haben wir eigentlich immer. Technik oder Produkte des Alltagslebens, die sind ja nie nur funktional. Die setzen immer bestimmte Statements. Und man hat mit nostalgischen Elementen oftmals mehr Erfolg und mehr Aufmerksamkeit als mit dem Mitschwimmen im Gegenwärtigen“, wie Möser erläutert.

Wenn Konsum zum Ritual wird

Wer’s noch älter mag, wird in der Plattenabteilung fündig. 4,9 Millionen Vinyls wurden laut Statista im Jahr 2024 allein in Deutschland verkauft; 2004 waren es nur eine halbe Million. Dabei spielt nicht nur der nostalgische Faktor eine große Rolle, sondern das Ritual des Musikhörens wird zum zentralen Punkt. Keine Playlists, keine Songs überspringen, kein Multitasking. „Diese universelle Verfügbarkeit von allem, die möchte man gar nicht unbedingt. Allein das Abwischen der Platte, Auflegen des Tonarms, auch, dass man sich hinsetzt und bewusst hört, nicht so nebenher. Alte Technologie zwingt uns zur Konzentration“, erklärt Möser. „Die Art, Musik auf diese entschleunigende Weise zu konsumieren, scheint in der heutigen, schnelllebigen Zeit zunehmend Freund:innen zu finden“, heißt es auch seitens der Unternehmenssprecherin von MediaMarkt.

Auch Kassetten finden langsam ihren Weg zurück in den Mainstream. „In meiner Generation war man froh, wenn man den Kassettenplayer endlich los war. Aber inzwischen gibt es auch schon eine Sammlerszene“, erzählt Möser. Künstler:innen wie Taylor Swift, Billie Eilish oder Harry Styles veröffentlichen ihre Alben inzwischen auch auf Band; laut Luminate, einer Datenplattform der Entertainment-Szene, ist der Absatz von Kassetten von 2015 bis 2022 um 443 Prozent gewachsen. Ob diese tatsächlich genutzt oder eher gesammelt werden, bleibt offen. Trotzdem wird es für viele Menschen immer wichtiger, Medien physisch zu besitzen, anstatt sie nur als Abo zu leihen.

Auch Printmedien sind im Hype

Obwohl Social-Media-Plattformen oft als Killer analoger Medien gelten, passiert dort paradoxerweise das Gegenteil: Haptische Medien werden glorifiziert, besonders stechen dabei Printmedien heraus. Während Print immer wieder als tot auserkoren wird, sträuben sich ironischerweise gerade TikTok-Nutzer:innen, das Medium sterben zu lassen. Von Fotobüchern bis hin zu eigenen Zines (also persönliche, selbstgemachte Magazine) gibt’s hier alles. Anstatt Bilder nur am Handy zu sehen, werden die Gefühle und Erinnerungen durch den Print physisch. So basteln User:innen plötzlich in der ehemals Grafikdesigner:innen vorbehaltenen Software InDesign herum. Learning by doing, Tutorials gibt’s zur Genüge.

Auch für Lesestoff wird gesorgt: #Booktok ist eine Nische auf TikTok, in der Nutzer:innen – wie der Name schon verrät – über Bücher sinnieren. So findet man unter den 72 Millionen Videos, die den Hashtag benutzen, Empfehlungen, Insider-Witze, Zitate, Bücherregal-Touren oder schlicht und einfach möglichst ästhetische Videos von Büchern – nicht umsonst sind in Bücherhandlungen vielerorts eigene Booktok-Regale aufgebaut. Soziale Medien digitalisieren damit Buchclubs und machen sie weltweit zugänglich; Austausch über Literatur ist damit weit über Landes- und Kulturgrenzen hinweg möglich.

Das ist der TikTok-Trend “analog bag”

Ebenfalls auf TikTok findet ein weiterer Trend seinen Ursprung: Die „analog bag“, also „analoge Tasche“. Dabei geht’s nicht um die Tasche selbst, sondern um den Inhalt: Kreuzworträtsel, Puzzle, Tagebücher, Stricksachen. Diverse Hobby-Artikel, die man anstatt des Handys bei Langeweile rauskramen kann; eine Art Spielzeugkiste für Erwachsene. Content Creatorin Sierra Campbell rief den Trend ins Leben, als sie ihre eigene analoge Tasche dem Internet präsentierte – und damit eine ganze Welle auslöste. Häkeln statt doomscrollen, klingt doch nett.

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Warum analoge Medien bleiben

Das bewusste Nutzen alter Technik und analoger Medien signalisiert Entschleunigung und Reduktion; manchmal auch Kritik an der Schnelllebigkeit unserer heutigen Welt. Das Motto „Simplify your life“ ist dabei nicht nur ein Lob an den Minimalismus, sondern auch eine Entscheidung für Longevity. „Wenn wir über heutige Technologie reden, dann sind das immer Technologien, die sehr stark in Netzen drin sind. Wenn diese Netze abgeschaltet sind, was dann?“, mahnt Möser. Früher war eindeutig nicht alles besser, aber manches war einfacher, konzentrierter. Und genau danach sehnen wir uns heute, in einer Welt, in der alles jederzeit verfügbar ist, aber kaum noch etwas bleibt.

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