Katherina Olschbaur
Zwischen Herkunft und Aufbruch. Bei Katharina Olschbaur wird aus Unruhe Form und aus Fragmenten Zusammenhang.
© Samuel Ramirez für shadowplay | Guillaume Ziccarelli
Eine Kindheit, geprägt von der Kirche und von radikalen Aufbrüchen: Katherina Olschbaur verwandelt ihre Erfahrungen von Herkunft, Rebellion und Freiheit in kraftvolle, sinnliche Bildwelten.
Wenn Katherina Olschbaur ein neues Bild beginnt, greift sie mit einer fast ungeduldigen Entschlossenheit zur Tusche. In raschen Bewegungen setzt sie schwarze Linien und Formen aufs Papier – abstrakt, unwirklich, auf den ersten Blick vielleicht sogar beliebig. Für Olschbaur jedoch sind sie verbindlich: fragile Andeutungen von Menschen, Tieren oder Dingen. In diesem Prozess entstehen Dutzende einzelne Bilder, die später auf großen Leinwänden zu einem harmonischen, fast pompösen Ganzen verschmelzen. Was mit einer intensiver Schnelligkeit beginnt, weicht im Verlauf des Malprozesses einer zunehmenden Langsamkeit und Bedachtheit. Es entstehen Momente der Ruhe und des Innehaltens. In diesen tritt Olschbaur aus ihrem Tun zurück, sie geht auf Abstand, um das große Ganze zu betrachten. Wie durch eine Linse schauend hält sie sich eine Hand vors linke Auge, prüft ihre Arbeit aus einer anderen Perspektive – den Pinsel in der einen, die Zigarette in der anderen Hand. Der Blick wird schärfer. Es bringt ihr Klarheit darüber, wohin das Bild sie führen wird. „Ich mag die Spannung innerhalb eines Bildes, aber auch die Ruhe“, sagt sie. Dort, wo die anfängliche Hektik in ein tastendes Suchen übergeht und sie sich von den Rändern der Leinwand langsam ins Zentrum vorarbeitet, beginnt das Bild für sie zu pulsieren und zu existieren. Als läge unter der weißen Fläche ein kaum hörbarer Herzschlag, der erst durch das Verbinden von Farben, Formen und Leerräumen freigelegt werden kann. Die Zusammenführung dessen, was zunächst getrennt entstanden ist, vollzieht sich im Finden und Fühlen. Farben finden – und fühlen, welche Bereiche ohne Farbe bleiben. Figuren finden – und fühlen, welches Potenzial sie in sich tragen. In diesem Dialog verliert sich Olschbaurs Bewusstsein für die Außenwelt. „Wenn ich male – in den besten Momenten – fühle ich mich, als würde ich nicht existieren“, so die Künstlerin.

Halten und Loslassen.
Katherina Olschbaur wurde in Bregenz geboren, wo sie die ersten vier Lebensjahre blieb. Nach der Trennung der Eltern zogen sie und ihre jüngere Schwester mit der Mutter nach Dornbirn. Hier und da entstanden haltgebende Inseln: in der Wohnung der Mutter, in der Schule, in der Nachbarschaft – und auch in der Kirche. Ihr Vater über viele Jahrzehnte protestantischer Pastor in Bregenz, ihre Mutter Orgelspielerin und Musiklehrerin. Olschbaurs Perzeption dessen, was Kunst ist, wurde in sakralen Räumen genährt: durch geistliche Musik, monumentale Architektur, sakrale Bilder – und durch eine Ästhetik zwischen der Süße des Lebens und dem Tod. Konkrete Schlüsselmomente auf ihrem Weg zur Malerei kann sie nicht benennen. Es ist eher eine Atmosphäre, eine allgegenwärtige Präsenz von Kunst, an die sie sich erinnert. Und daran, wie sie sich bereits als Kind in ihre Fantasie zurückzog, um die schweren Themen des Lebens – und der Kirche – zu verarbeiten. Erst später kam die Erkenntnis, dass die Institution Kirche, die ihre Bildsprache bis heute so dermaßen prägt, auch mit Macht, Angst und Unterdrückung operiert. Religion wurde ambivalent: Quelle und Gegner zugleich. Eine antithetische Wahrnehmung, die sich heute in ihren Werken zeigt – in Form von starken, lustvollen Frauen, als Lichtspiel, das Farbe und Transparenz nutzt, um Geschichten zu zentrieren (so wie es die Glasmalereien der Kirchen tun) und in der Aufarbeitung biblischer Motive und Figuren.


Flucht und Rebellion.
Katherina Olschbaur beschreibt sich selbst als rebellisches Kind und als Teenager rebellischer als andere. Bereits mit 17 zog es sie weg aus Vorarlberg. Noch vor der Matura absolvierte sie die Aufnahmeprüfung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Der Weg nach Wien war ein Akt der Rebellion, ein beinahe anarchistischer Versuch, sich von jenem Kontext zu lösen, der sie in ihrer Kindheit so maßgeblich geprägt hatte. Erst im Studium entstand eine neue Verbindung zu dieser Seite ihrer selbst. Das Malen eröffnete ihr einen Raum, den sie eigenständig befüllen konnte. Siebzehn Jahre lang war Wien ihr Zuhause. Hier formte sie sich zur Künstlerin. Die Stadt bedeutete Bildung, Gemeinschaft, theoretische Schärfe – aber auch Kontrolle, Erwartung und eine damit verbundene innere Zensur. Einen Schritt weg zu machen, erschien schwer und notwendig zugleich. Als Katherina Olschbaur 2017 mit ihrem Partner in die USA ging, feierte Donald Trump gerade seine Amtseinführung – ein Zeitpunkt, der instabiler kaum hätte sein können, auch auf persönlicher Ebene. Ohne Führerschein, ohne Wohnung, ohne Netzwerk, ohne Galerie, die ihre Kunst zeigte. Was sie hatte, war ein Atelier. Und den festen Entschluss, sich selbst auszusetzen. „Ich kam nach Los Angeles als ein Nobody, wie eine blank page, die man füllen kann.“ Eine Illusion, wie sie selbst sagt – denn niemand kommt ohne Geschichte und ohne Inhalt. Und doch fand sie in dieser alles durchdringenden Unsicherheit eine Form von Freiheit. Von Los Angeles zog es sie weiter nach New York – eine große, pulsierende Stadt, in der sich Möglichkeiten ergaben, andere Künstler:innen kennenzulernen und in Galerien auszustellen. Dann Corona und mit der Pandemie die alles verschlingende Unsicherheit darüber, wie es weitergehen würde. Als jemand, die gelernt hat, mit Rückschlägen umzugehen –, in einer Branche, in der einem nichts geschenkt wird – blieb Katherina Olschbaur optimistisch.
Wenn ich male – in den besten Momenten – fühle ich mich, als würde ich nicht existieren.
Sie glaubte an vieles, nur nicht an das Scheitern. Im Hier und Jetzt hat sich ihr eisernes Festhalten an diesem Lebensentwurf bewährt: nicht wie in einem Märchen, aber wie im echten Leben, wenn man kämpft und dran glaubt: Seit 2023 ist sie bei der renommierten Galerie Perrotin, seit 2018 bei der Underground-Galerie Nicodim. Ihre Arbeiten werden international gezeigt. Ihre großen, plakativen Leinwände werden im fünfstelligen Eurobereich verkauft. Im Business gilt sie als zeitgenössische Künstlerin, die es geschafft hat. Dass ihr nichts davon zugeflogen ist, weiß Katherina genau. In der Kunst kommt nichts von allein. Man muss weitermachen. Dabeibleiben. Und zugleich wissen, wann man loslässt. Vielleicht ist genau das die Bewegung, die sich durch ihr Leben und ihre Arbeit zieht: zwischen Herkunft und Aufbruch, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Aus Unruhe wird Form, aus Fragmenten Zusammenhang.