Angst vor Männern – was kann man tun?
Die Steirerin Nicole List betreibt eine Buchhandlung in Wien, ist als selbstbewusste Buch-Expertin aus dem TV bekannt – und hat Angst vor Männern. Warum das so ist, erzählt sie in ihrem gleichnamigen Debüt als Autorin.
© Unsplash/Maha Saied
Die „Buchhändlerin des Jahres“ wechselt in ihrem Debüt sehr persönliche Erfahrungen (Belästigungen, Stalking-Erfahrungen und häusliche Gewalt) mit Fakten und Statistiken rund um das Thema Gewalt an Frauen. Entstanden ist ein betroffen machendes, aber dennoch inspirierendes Buch: “Angst vor Männern”. Die STEIRERIN traf Nicole List zum Interview.
STEIRERIN: Sie betreiben seit gut drei Jahren Ihre eigene Buchhandlung. Wie ist es jetzt, selbst ein Buch geschrieben zu haben?
Nicole List: Verrückt. Ich habe schon mit sieben beschlossen, irgendwann ein Buch zu schreiben. Ich war lange „am anderen Ende“ und hatte eine romantische Vorstellung davon, was das bedeutet. Am Ende ist es aber wirklich viel Arbeit – meine Bewunderung für Autor:innen ist dadurch noch gestiegen.
Warum haben Sie Angst vor Männern?
Es ist diese oft nicht fassbare Bedrohung, die ich spüre – auch aufgrund meiner Erfahrungen mit häuslicher Gewalt auf psychischer wie physischer Ebene. Dazu kommen alltägliche Übergriffigkeiten: beim Dating, im beruflichen Kontext, abends auf der Straße oder in der U-Bahn. Diese Erfahrungen habe ich fast ausschließlich mit Männern gemacht, dadurch ist diese Angst vor Männern entstanden. Irgendwann hatte ich Angst, dass ich am Ende tatsächlich mit meinem Leben bezahle. Ich habe mein Urvertrauen verloren, dass mir niemand etwas Böses will. Für Menschen, die solche Erfahrungen nicht gemacht haben – darunter viele Männer –, ist das völlig unvorstellbar.
Warum hat es lange gedauert, diese Angst auszusprechen?
Das hatte viel mit Scham zu tun und mit der Angst vor Unverständnis. Selbst in meinem engsten Umfeld verstehen manche nicht ganz, was ich meine. Es war ein Prozess, mir einzugestehen, dass das Erlebte Spuren hinterlassen hat – egal wie stark man ist oder wie gut das Umfeld. Aber es hat mich mutiger gemacht, das auszusprechen.

Was bräuchte es, damit Frauen angstfreier leben können?
Ich glaube, es ist vielmehr die Aufgabe von Männern, sich für die Lebensrealitäten von Frauen zu interessieren und aufzustehen – im Alltag, auf Social Media oder bei Demonstrationen. Aber sie profitieren natürlich von diesen patriarchalen Strukturen. Viele sagen: „Ich bin nicht so einer“, aber das allein reicht nicht. Frauen kämpfen schon sehr lange, trotzdem gibt es vor allem in der Gewaltprävention noch viel Luft nach oben. Solange manche Männer glauben, sie sind besonders maskulin, wenn sie eine Frau kontrollieren und besitzen, wird sich zu wenig ändern.
Wie gehen Sie mit Nachrichten über Femizide oder die Epstein-Files um?
Jede:r hat das Recht, für sich zu filtern. Ich selbst konsumiere viele Nachrichten. Wer die Kapazitäten hat, sollte darüber sprechen, laut sein und nicht wegschauen. Das war auch ein Grund für mein Buch: Frauen sollen sich verstanden fühlen und merken, dass sie nicht allein sind.
Wie war es, die eigenen Erfahrungen aufzuschreiben?
Schwierig. Einerseits war Schreiben für mich immer auch therapeutisch, ich habe jahrelang Tagebuch geführt und schreibe schon seit Jahren Kurzgeschichten über meine Erfahrungen. Andererseits war das Buch ein „Rabbit Hole“, es hat mich teilweise zurückversetzt und traurig gemacht. Aber ich möchte nicht, dass diese Erfahrungen mein ganzes Leben bestimmen, darum hat es aufzuschreiben mir geholfen, zu sehen, dass es wirklich passiert ist und nicht okay war.
Haben Sie einen Rat für Frauen mit ähnlichen Erfahrungen?
Jede geht anders damit um, aber darüber zu sprechen hilft. Therapie war für mich essenziell. In akuten Fällen sollte man sich Hilfe holen, auch wenn es sich manchmal sinnlos anfühlt. Man darf nicht glauben, man sei allein oder selbst schuld – weder an dem, was passiert ist, noch daran, wie lange man in einer Beziehung geblieben ist.

Sie schreiben, Persönlichkeitsrechte würden oft Täter schützen. Wie meinen Sie das?
Ich konnte vieles nicht so explizit schreiben, wie ich es erlebt habe, um Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen. Das ist wichtig und richtig, nimmt Opfern aber auch Möglichkeiten, Dinge klar zu benennen. Und trotzdem frage ich mich: Wer hat nach meinen Persönlichkeitsrechten gefragt?
Frauen mangelt es im beruflichen Kontext öfter an Selbstvertrauen, wo schlechter qualifizierte Männer viel selbstbewusster sind. Wie können wir daran arbeiten?
Wenn mir Freundinnen so was erzählen, sage ich immer: Fast kein Mann würde jemals so etwas denken. Dass Frauen das so eingetrichtert bekommen, ist ein absolut strukturelles Problem. Ich versuche mich selbst immer wieder daran zu erinnern: „Ich kann das, ich habe das verdient, ich habe dafür gearbeitet, mir steht das zu.“ Und ich bestärke auch die Frauen in meinem Umfeld.
Was wünschen Sie sich nach der Lektüre Ihres Buches?
Verständnis. Dass Frauen sich gesehen fühlen und merken, sie sind nicht allein. Und dass Männer versuchen, sich in die Lebensrealität einer Frau hineinzuversetzen, die Angst hat. Das allein wäre schon viel wert.
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Betina Petschauer ist Redakteurin bei der STEIRERIN und hauptsächlich für die Ressorts Genuss, Leben, Freizeit, Menschen und Emotion zuständig. Als Foodie zieht sich die Leidenschaft für Essen und Trinken durch alle Bereiche ihres Lebens. Daneben schlägt ihr Herz für Serien, Filme und Bücher, die sie in der Rubrik „Alltagspause“ auch regelmäßig rezensiert.
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