Mutter liest Tochter aus einem Buch in der Wiese vor.

Warum Vorlesen für Kinder so wichtig ist

Vorlesen stärkt den Wortschatz, fördert Empathie und schafft Nähe. Warum bereits zehn Minuten wertvoll sind.

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Vorlesen stärkt den Wortschatz, fördert Empathie und schafft Nähe. Warum bereits zehn Minuten wertvoll sind, es kein falsches Alter für Geschichten gibt und Bücher nicht gegen Bildschirme antreten müssen.

Noch eine Geschichte. Und danach vielleicht dieselbe gleich noch einmal. Für Kinder ist Vorlesen weit mehr als eine schöne Beschäftigung am Abend. Sie lernen dabei neue Wörter kennen, begegnen anderen Lebenswelten und erleben einen Moment, in dem ihnen jemand seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.

„Durch das Sprachbad wird ihre sprachliche Kompetenz gefördert, durch das Einfühlen in literarische Figuren ihre emotionale und soziale Entwicklung“, erklärt Kathrin Wexberg. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der STUBE, der Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur. Bei all den nachgewiesenen positiven Effekten sollte ein wesentlicher Aspekt nicht vergessen werden: „Vorlesen macht Freude – den Vorlesenden ebenso wie jenen, denen vorgelesen wird.“

Auch Leoni Wartenberg vom Zuckersüß Verlag sieht darin viel mehr als eine gemütliche Abendroutine. Der Verlag möchte mit seinen Büchern Kindern wichtige Werte vermitteln und zugleich Nähe, gemeinsame Zeit und bleibende Erinnerungen schaffen. Vorlesen ermöglicht, so Wartenberg, ungeteilte Aufmerksamkeit und bietet damit einen wertvollen Ausgleich zum oft hektischen Familienalltag.

Nie zu klein, nie zu groß

Mit dem Vorlesen können Eltern kaum zu früh beginnen. „Schon die Allerkleinsten profitieren vom Klang vertrauter Stimmen und dem Betrachten bunter Bilder“, betont Wartenberg. Dabei geht es noch nicht darum, eine Geschichte von Anfang bis Ende zu verstehen. Viel wichtiger sind die Nähe, die Wiederholungen und die erste spielerische Begegnung mit Sprache.

Genauso wenig gibt es ein Alter, in dem Kinder plötzlich zu groß für das Vorlesen wären. Gerade wenn sie bereits selbst lesen können, wird das gemeinsame Ritual häufig beendet. Doch Selberlesen ist vor allem am Anfang anstrengend. Wer vorgelesen bekommt, kann auch komplexeren Geschichten folgen, als er oder sie bereits selbst bewältigen könnte.

„Auch ein Kind, das schon selber lesen kann, wird die Momente der Nähe genießen“, meint Wexberg. Selbst Teenager könnten es trotz aller altersgemäßen Abgrenzung schön finden, wieder einmal ein früheres Lieblingsbuch von Mama oder Papa vorgelesen zu bekommen. Schließlich entstehen dabei gemeinsame Erinnerungen, die oft weit über die Kindheit hinaus bleiben.

Geschichten geben Gefühlen Raum

Vorlesen erweitert den Wortschatz, stärkt das Sprachgefühl und kann später das Lesenlernen erleichtern. Seine Wirkung reicht jedoch weit über die sprachliche Förderung hinaus. Wie Wartenberg erklärt, fördert es ebenso die Vorstellungskraft, die Empathie und das Verständnis für komplexere Zusammenhänge.

In Geschichten erleben Kinder Figuren, die mutig, wütend, traurig, eifersüchtig oder ängstlich sind. Sie können deren Gefühle aus einer sicheren Position beobachten und gleichzeitig mit ihnen mitfühlen. Das hilft ihnen, auch ihre eigenen Emotionen besser zu verstehen und auszudrücken.

Wexberg zitiert dazu einen Satz aus Lena Raubaums Bilderbuch „Komm, ich trag dich ein Stück, sagte die Schildkröte“: „Alle Fragen, alle Gefühle wollen atmen. Lass sie Luft holen.“ Genau diesen Raum können Bücher öffnen. Kinder begegnen darin schwierigen Erfahrungen, auch wenn sie selbst wohlbehütet aufwachsen. Oder sie erkennen sich in einer Figur wieder und merken: Mit diesem Gefühl bin ich nicht allein.

Für Anna liegt darin eine der wichtigsten Qualitäten von Bilderbüchern: Kinder lernen, sich in andere Figuren hineinzuversetzen, ihre eigenen Gefühle besser zu verstehen und die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Machen zehn Minuten einen Unterschied?

Im vollen Familienalltag kann selbst das Vorlesen schnell wie ein weiterer Punkt auf der To-do-Liste wirken. Doch eine bestimmte Mindestdauer oder ein täglich zu erfüllendes Pensum braucht es nicht.

„Auch zehn Minuten können sehr wertvoll sein, besonders, wenn sie regelmäßig stattfinden“, unterstreicht Anna. Es gehe nicht darum, jeden Abend eine bestimmte Anzahl an Seiten zu schaffen, sondern um verlässliche kleine Momente, in denen sich Kind und Bezugsperson gemeinsam auf ein Buch konzentrieren.

Auch Wexberg warnt davor, Vorlesen ausschließlich als Fördermaßnahme zu betrachten. Es soll Freude machen und nicht zur Pflichtübung werden. Rituale können im Alltag zwar helfen, dürfen sich mit dem Alter des Kindes aber verändern. Und wenn es an einem Abend gar nicht passt, ist das ebenfalls in Ordnung.

Ein Buch muss außerdem nicht immer Seite für Seite vorgelesen werden. Anna plädiert dafür, Kindern möglichst viel Freiraum zu lassen: Sie dürfen selbst auswählen, was gelesen wird, Seiten überspringen oder nur die Bilder betrachten. Gerade daraus können wertvolle Gespräche entstehen.

Bücher müssen nicht gegen Bildschirme gewinnen

Tablet, Fernseher und Smartphone konkurrieren im Alltag um die Aufmerksamkeit von Kindern. Vorlesen als „vernünftige“ Alternative zu vermeintlich schlechteren Medien zu präsentieren, hält Anna allerdings für wenig hilfreich. Bücher sollten genauso attraktiv und selbstverständlich in den Alltag integriert werden.

Bevor Erwachsene den Medienkonsum ihrer Kinder kritisieren, sollten sie außerdem ihr eigenes Verhalten hinterfragen, meint Wexberg: Wie viel Zeit verbringen wir täglich am Smartphone und wie oft sehen uns Kinder mit einem Buch? „Kinder werden schwer von der Begeisterung fürs Buch anzustecken sein, wenn diese nicht authentisch vorgelebt wird.“

Gleichzeitig bietet das Vorlesen etwas, das kein Bildschirm ersetzen kann: die Nähe und Stimme eines realen Menschen, das gemeinsame Erleben und die Gespräche, die während einer Geschichte entstehen.

Welches Buch ist das richtige zum Vorlesen?

Ein gutes Vorlesebuch spricht Kinder auf mehreren Ebenen an: durch eine spannende oder berührende Geschichte, Figuren, mit denen sie mitfühlen oder sich identifizieren können, und Bilder, auf denen es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Aus Annas Sicht regen gute Vorlesebücher Kinder zum Fragenstellen und Weiterdenken an – und werden idealerweise auch von der erwachsenen Person beim zwanzigsten Mal noch gerne vorgelesen.

Nicht jedes Buch muss dabei alle Kriterien erfüllen, gibt Wexberg zu bedenken. Manchmal interessieren sich Kinder gerade besonders für Dinosaurier, Fahrzeuge oder den ersten Schultag. Zwischen den Vorlieben der Kinder und den Ansprüchen der Erwachsenen dürfen durchaus Kompromisse gefunden werden. Entscheidend ist letztlich ja weniger, welches Buch gerade auf der Bestsellerliste steht, sondern ob es Freude macht, Neugier weckt und einen gemeinsamen Moment entstehen lässt.

Sechs Bücher zum Vorlesen und gemeinsamen Entdecken

Vorlesen: Nacht-Wimmelbuch
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Rotraut Susanne Berner:  Wimmelbücher, Gerstenberg
Textlose Bilderbücher voller kleiner Szenen, die zum Suchen, Erzählen und gemeinsamen Entdecken einladen.

Groß
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Vashti Harrison:  Groß, Zuckersüß Verlag
Ein feinfühliges Buch über die Themen Mobbing und Bodyshaming.

Ameisen in Adas Bauch
© Beltz & Gelberg

Stefanie Höfler:  Ameisen in Adas Bauch, Beltz & Gelberg
Eine einfühlsame Geschichte über leise und laute Gefühle – und darüber, sich manchmal mutig und manchmal ganz klein zu fühlen.

Vorlesen: Körper sind toll
© Zuckersüß Verlag

Tyler Feder:  Körper sind toll, Zuckersüß Verlag
Ein bestärkendes Bilderbuch über die Vielfalt von Körpern und Selbstbewusstsein.

Am liebsten aß der Hamster Hugo Spaghetti mit Tomatensugo
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Franz Hohler:  Am liebsten aß der Hamster Hugo Spaghetti mit Tomatensugo, Hanser
Humorvolle Tiergedichte, die spielerisch die Freude an Sprache, Reimen und Wortwitz wecken.

Vorlesen: Häschen tröstet
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Cori Doerrfeld:  Häschen tröstet, Zuckersüß Verlag
Eine berührende Geschichte über große Gefühle und die Kraft des stillen Zuhörens.

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