
© Ingo Pertramer
Würden wir in der Zukunft eine Beschreibung der neuen angewandten Kunstform lesen, die sie bis dahin ausgelöst haben wird, werden Kritikerinnen und Kennerinnen ihr vermutlich das Zitat „Zurück zur Haptik“ zuschreiben. In der Gegenwart leistet Sandra Holzer einstweilen Pionierinnenarbeit. Denn die bildschönen Keramiken, die sie unter ihrem Label Franzi.Ist kreiert, sind nicht nur spannend in ihrer ruhigen und tiefgründigen Ästhetik, die nahbaren Objekte ziehen auch mit einer bestechenden Haptik in den Bann. Noch bis zum 18. Mai sind ihre Werke aktuell im Rahmen der Ausstellung AUT NOW im Wiener MAK zu sehen. Vor Kurzem hat die Künstlerin ihre Zelte in der Halle 5 der Dornbirner CampusVäre aufgeschlagen. Die Vorarlbergerin Business hat die Keramikerin in ihrem neuen Atelier besucht.

Es scheint fast absurd,
wie gut das Analoge im Digitalen ankommt.
Die Menschen sehnen sich
nach Haptik.

Spiel aus Glanz und Rauheit
Wir treffen uns in einer ehemaligen Fabrikhalle mitten in Dornbirn, der die CampusVäre neues Leben eingehaucht hat. Hier in Halle 5 entführt ein Spektakel aus Bildern, Skulpturen, Geräuschen und einem Wirrwarr an Artefakten in kreative Spähren. In der von Roland Adlassnigg organisierten geteilten Werkstätte geben sich Francesca Motta, Thomas Schrenk, Selina Reiterer, Luka Jana Berchtold und das Studio Bildstein|Glatz die Klinke in die Hand – um nur einige Namen der vielfältigen kunstschaffenden Mieterschaft zu erwähnen, zu der auch Sandra Holzer gehört. Inmitten des Sammelsuriums an Work in Progress steht ein verschachtelter und doch poröser Cubus aus hohen, im Rechteck angeordneten Glaswänden. Das Atelier von Franzi.Ist bildet einen Raum im Raum, in dessen Herzen ein großer Ofen auf die Vollendung neuer Werke wartet. Für das Gespräch machen wir es uns jedoch in der Nähe der Kaffeemaschine gemütlich, der beste Platz für Austausch inmitten des regen künstlerischen Treibens. In der Halle 5 trinkt man selbstverständlich aus den schlichten Bechern der Keramikkünstlerin, deren Entwürfe sich hier auf der Bar tummeln. Das überreichte Objekt ohne Henkel bleibt wie von selbst in der Hand, denn Holzers Kreationen, da oft nur innen glasiert, bieten neben der bestechend schlichten Optik eine ungewohnt sinnliche Haptik. Rauh und doch sanft schmiegt sich das kleine, vom frischen Kaffee angenehm warm gewordene Gefäß mit seinen weichen Rundungen in die Hand und erinnert die Haut an feinen, von der Sonne erwärmten Sand.
Vom Burgenland über Japan nach Dornbirn
Die Konzentration auf eine Sache. Die Faszination der Wechselwirkung zwischen der Bewegung und des sich formenden Tons. Textur, Temperatur und Duft des Materials. Die Unmöglichkeit, im Moment der Kreation etwas anderes zu berühren. Das Haptische zieht die Sinne an, schwärmt die Künstlerin. Vor allem in einer sonst von Ablenkung und Geschwindigkeit geprägten Gegenwart. Keramik als Material entdeckte sie während des Studiums an der NDU. Der nächste Schritt führte nach Stoob ins Burgenland, wo sie sich zwei Jahre lang einer intensiven handwerklichen Ausbildung widmete. Bald wechselte sie von ihrem ersten Atelier im WUK nach Meidling – Platzmangel. Es folgte eine prägende Residency in Japan. Die Zeit am Keramikkunstmuseum in Mashiko, wo sie ihre Werke auch ausstellte, brachte viele neue Materialien, Techniken und Blickwinkel in den Kosmos von Franzi.Ist.

Fine Dining meets Fine Arts
Inzwischen war jedoch nicht nur die Vienna Design Week auf sie aufmerksam geworden, für die sie exklusiv einen Negroni-Becher entwarf – besonders spannend am Keramik-Cocktailcup: Er lässt sich vorab einfrieren und erfrischt langanhaltend – genial. Ebenso die Starköch:innen Österreichs wollten nun ihre Kreationen auf Franzi.Ist-Porzellan servieren. Aufträge von Lukas Kapeller, Rote Wand am Arlberg, Rosso in Linz und dem Schrei in Salzburg versetzen die Töpferscheibe in Dauerkreisen. Neben Lehrtätigkeiten an der NDU und der Kunstschule Wien stapelten sich die Ergebnisse der Aufträge weiter und die Zeit war wieder reif für einen kreativen Tapetenwechsel. Mit dem Bezug der Halle 5 bricht für die Künstlerin eine neue Ära an. In Zukunft will sie sich mehr Zeit für ihre künstlerische Kreativität nehmen und experimentiert auch wieder abseits von Küchenkunst und Gebrauchskeramik mit der räumlichen Dimension ihrer Gefäße und Objekte. Zuletzt waren diese Arbeiten bei der European Ceramic Context auf Bornholm zu sehen. Die bewusste Konzentration auf eine Sache, so Holzer, erdet und verbindet uns wieder mit dem Sein. Die Künstlerin beobachtet, dass in einer digitalisierten Welt wieder mehr Sehnsucht nach Greifbarem besteht. Ihre jüngsten Kreationen schmücken das eben eröffnete Ciabatta in Dornbirn und zieren ab Herbst das neue Kochbuch von Julian Stieger für den Chefʼs Table Rote Wand. Hübsch Haptisches für jeden Tag gibt es bisher exklusiv unter www.franzi.ist.