Geschlechtervielfalt: "Wir sind sehr viel"

Geschlechtervielfalt: „Wir sind sehr viel“

Binäre Denkmuster durchbrechen

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Warum binäre Logikmodelle uns nicht guttun, ein Denken der Vielfalt alle bereichert und weshalb wir Energien bündeln sollten.

Im besten Fall hat jedes Teil seinen Platz. Schublade auf, Teil rein, Schublade wieder zu, und die Küche ist wieder tipptopp. Nur echt krasse Revoluzzer:innen würden die Löffel zu den Gabeln schmeißen oder die Espressotassen
auf die flachen Teller stapeln. Was so angenehm ist beim Geschirrspüler-Ausräumen, ist die einfache Klarheit des Systems (vorausgesetzt alle im Haushalt Lebenden halten sich daran). So klar schien lange auch das binäre Schubladensystem der Geschlechter. Oberflächlich. Wenn aber im Juni weltweit Regenbogenparaden ganze Städte bunt färben, dann mit gutem Grund. Wir Menschen sind komplexer als unser Besteck. Darüber sollten wir uns eigentlich freuen.

Scheint es nur so, oder bewegen wir uns aktuell sogar verstärkt in Richtung Vielfältigkeit? Wie stabil ist denn unser binäres System überhaupt? „Das ist ein hochkomplexes Thema“, sagt Anna Babka, Literatur- und Genderforscherin an der Universität Wien. „In Österreich sind als Geschlechtseintrag neben weiblich und männlich mittlerweile divers, inter und offen möglich, bald kommt non-binär dazu. Wenn die Rechtslage all das ermöglicht, ist das ein gutes Zeichen dafür, Geschlecht in seiner Vielfalt zu denken und zu leben.“

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Die Komplexität des binären Denkens

Anna Babka verweist in ihrer Argumentation vor allem auf die binären Logikmodelle wie sie in unserer westlichen Philosophie verankert sind. Diese dienen nur dazu, sagt Babka, Machtverhältnisse zu erhalten – und zwar seit Jahrtausenden. Das binäre Denken kommt uns vermeintlich entgegen: Es reduziert Komplexität. Damit tun wir uns aber nichts Gutes: „Binäre Oppositionen“, erklärt sie, „sind immer hierarchisch und asymmetrisch. Das betrifft alle Identitätsfaktoren: beispielsweise ethnische und kulturelle Zugehörigkeit oder sexuelle Begehrensstrukturen. Es gibt immer einen Teil, der als der Schwächere angesehen wird: Homo und Hetero, Jung und Alt, ich und die anderen etc. Jedoch: gäbe es die Frauen nicht, wäre der Mann nicht in dieser superioren Position, die ihn als vermeintlich Stärkeren ausweist. Man braucht also den ,schwächeren Part‘, um die eigene Identität zu fixieren. Wir sprechen in der Genderforschung in diesem Zusammenhang vom ,konstitutiven Außen‘.“

Das binäre Denken zu verlassen, könnte zu einem Leben in Vielfalt führen.

Anna Babka

Ein weiterer wichtiger Begriff stellt hier das „Othering“ dar: also eine Strategie, etwas über bestimmte Zuschreibungen allererst zu etwas anderem zu machen. Am Beispiel der Frau: „Frauen sind das Andere zum Mann. Sie werden als weniger groß und stark beschrieben oder aufgrund ihrer physischen Verfasstheit, etwa im Hinblick auf die Reproduktion, als jener Teil der Menschen, der nicht über die gleichen intellektuellen Fähigkeiten verfügt. Das sind Konstruktionen, die ihren Anfang unter anderem in der Bibel oder der antiken Philosophie nahmen“, erklärt die Wissenschaftlerin.

„Das binäre Denken zu verlassen, könnte zu einem Leben in Vielfalt führen. Es ist tatsächlich so, dass die Wissenschaft – das gilt auch für Entwicklungen in den Naturwissenschaften – und zum Teil sogar die Rechtslage weiter ist, als das, was in der Gesellschaft als Common Sense gilt.“

Im Juni zelebrieren wir Pride und sprechen über Geschlechtervielfalt
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Geschlechtervielfalt: Mehr als zwei Pole

„Wir sind nicht nur Mann oder Frau. Wir sind sehr viel“, sagt die Biologin und feministische Wissenschaftsforscherin Sigrid Schmitz; Katharina Mückstein ließ sie in ihrer herausragenden Filmdoku „Feminism WTF“ zu Wort kommen. „Geschlecht ist der letzte Ort der Versicherung in einer sehr unsicheren Welt. Man hat die Vorstellung: Biologie ist Schicksal. Sie hält die Gesellschaft in einer bestimmten machtvollen Konstellation und gibt dem Individuum Sicherheit: ,Ich hab’ viel Testosteron, deswegen bin ich aggressiv.‘ oder ,Ich hab’ viel Östrogen, deswegen bin ich so sozial.‘ Der Rückgriff auf die Biologie und auf einfache Kategorien wie Mann/Frau hat eine gewisse versichernde Wirkung, obwohl sie nicht stimmen.“

Lange Zeit ist man davon ausgegangen, dass auf dem Y Chromosom ein bestimmtes Gen liegt, das es für das Männliche braucht, ist es nicht da, wird das Weibliche entwickelt. „Man hat dieses Gen auch gefunden, aber seit den 1990er und 2000ern mindestens noch 20 andere, die nicht nur auf dem Geschlechtschromosom liegen, sondern auch auf den Körperchromosomen. Man hat zudem auf den X-Chromosomen Gene entdeckt, die aktiv nötig sind, damit sich Ovarien, Schamlippen etc. ausbilden. Es handelt sich also um ein hochkomplexes Netzwerk, dann kommen noch die Hormone dazu – und plötzlich haben wir keine zwei Pole mehr, nicht männlich und weiblich, sondern eine ganze Bandbreite“, beschreibt Sigrid Schmitz.

Nicht nur biologische Wesen „Die Definition von Geschlecht ist nicht einfach“, sagt auch Meike Stoverock, ebenfalls Biologin und Autorin des Buches „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“ (Tropen Verlag). „Evolutionär ist es vollkommen klar: Für sexuelle Fortpflanzung braucht man zwei Geschlechter, die miteinander verschmelzen. Das heterosexuelle binäre System ist zwar das am meisten verbreitete System in der Natur, aber es ist nicht das einzige System und ich sehe Transsexualität nicht im Widerspruch dazu.“

Schon die biologische Vielfalt sei bemerkenswert. Sie beschreibt als Beispiel die Biografie der Läuferin Caster Semenya, die man schonungslos verdächtigte, als Mann im Frauensport Medaillen abzugreifen. „Bei einer genetischen Untersuchung kam heraus, dass sie trotz weiblicher Genitalien im Genom ein Y Chromosom hat wie ein Mann“, erklärt Meike Stoverock. Für sie entsteht Vielfalt aber nicht allein „durch Ausnahmen, die gesehen werden und eine Stimme bekommen müssen. Wir sind nun mal auch nicht rein biologische Wesen, wir haben auch ein paar tausend Jahre Kultur hinter uns, die in vielfältiger Weise auf unser Verhalten und unser Selbstverständnis eingewirkt haben. In dieser Mischung entsteht Diversität.“

Was ist eine Frau und was ist ein Mann?

2022 gaben die Autorinnen Alice Schwarzer und Chantal Louis das Buch „Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?“ (KiWi Verlag) heraus, der Untertitel „eine Streitschrift“ war Programm – das erlebte die Autorin dieser Zeilen einmal live bei einem Kinoevent, als eine Gästin sich direkt bei Alice Schwarzer über deren Aussagen empörte. So schreibt Schwarzer etwa: „Inzwischen sind die Trans-Zahlen explodiert. Trans ist Trend. Immer mehr Mädchen und junge Frauen geraten in den Gendertrouble. Sie halten ihr so berechtigtes Unbehagen an der zunehmend widersprüchlich werdenden Frauenrolle für ,transsexuell‘.“

Chantal Louis führt Zahlen an: „In Großbritannien meldet die Londoner Tavistock-Klinik mit ihrer Gender-Ambulanz einen Anstieg ihrer minderjährigen Patient:innen von 50 im Jahr 2009 auf über 2.000 in 2017. (…) Aktuell werden nach eigenen Angaben rund 1.700 Mädchen im Tavistock Centre behandelt. Vor zehn Jahren waren es 30.“ Louis zitiert die US-Journalistin Abigail Shrier, die etwa „einen Zusammenhang zwischen dem immer weiter zunehmenden Schlankheits- und Schönheitsdruck und dem daraus resultierenden Körperhass“ sieht.

Das deutsche Selbstbestimmungsgesetz, wonach ab Herbst 14-Jährige allein ihren Geschlechtseintrag und Vornamen ändern werden können, hält Schwarzer für absurd, „wir Feministinnen und andere Fortschrittliche treten dafür ein, dass das biologische Geschlecht zwar existiert, aber keine den Menschen definierende Rolle spielen dürfe (Frauen können Kinder bekommen, sind aber deswegen noch lange keine geborenen Mütter), dass die kulturellen Kategorien ,männlich‘ und ,weiblich‘ also dekonstruiert werden müssen.“

Binäre Denkmuster müssen durchbrochen werden
© Pexels/ Cottonbro Studio

Unendlich viele Geschlechter

„Zeitgeist schwebt über allen möglichen gesellschaftlichen Debatten. Aber zu sagen, es ist plötzlich hip, nicht-binär zu sein oder transsexuell, fände ich eine sehr brachiale Aussage, die ich niemals treffen würde“, sagt Meike Stoverock. Sie bedauert, dass sich der Feminismus zuletzt aufgespalten habe, dass gewissermaßen ein Bekenntnis verlangt werde, ob man sich nun für biologische Frauen oder für LGBTIQMenschen einsetzt: „Sich entscheiden zu müssen, auf welcher Seite man steht, macht den Kampf gegen patriarchale Unterdrückungsstrukturen ineffizient. Wir leben in einer Welt, in der LGBTIQ-Personen massive Diskriminierung erleben und gleichzeitig biologische Frauen zahlenmäßig das größte Opfer von männlicher Gewalt sind. Wir sollten uns auf das fokussieren, was uns verbindet und unsere Energien bündeln.“

Die unterschiedlichen Strömungen, die sich überkreuzen, widersprechen, verbinden, sind nach und nach oder auch parallel entstanden und sie entwickeln sich permanent weiter, führt die Literatur- und Genderforscherin Anna Babka aus. „Die feministische Forschung hat die Geschlechterdifferenz noch recht festgeschrieben“, erläutert sie. „Schließlich ging es zunächst darum, Egalität zwischen den Geschlechtern herzustellen oder den Frauen überhaupt ihren angemessenen, gleichberechtigten Platz zu geben. In der Genderforschung geht es dann vor allem um die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, auch wird die Differenz zwischen biologischem und sozialem Geschlecht ausgehandelt. In der Queer Theorie liegt der Schwerpunkt darauf, binäre Logikmodelle hinter sich zu lassen und und zu einer Vielfalt der Geschlechter zu kommen.“

Innerhalb dieses großen Forschungskomplexes gibt es auch Stimmen, die meinen, das Denken einer unbedingten Vielfalt würde es letzten Endes gar nicht mehr notwendig machen, neue Identitäten zu ermöglichen und damit aber auch Abgrenzungen zu erzeugen, die Ausschlüsse nach sich ziehen können. Andere wiederum finden, „trans“ sei nicht bloß der Wechsel von einem zum anderen Geschlecht, sondern ein Prozess, sozusagen eine offene Identität. „Es gibt jedenfalls keine eindeutige Beschreibung dessen, was eine Frau und was ein Mann ist“, sagt Anna Babka. „Meine Utopie wäre, dass es so viele Geschlechter gibt wie Menschen auf der Welt.“

„Ich sehe dich.“

Zum Abschluss eine winzige Anekdote von Aiki Mira aus dem jüngst erschienenen Buch „Heute ist ein guter Tag, das Patriarchat abzuschaffen“ (Hg. Bettina Schulte, Hirzel). Aiki Mira ist ein:e mehrfach preisgekrönte non-binäre:r Science-Fiction-Autor:in, und beschreibt den ersten analogen Besuch eines Science-Fiction-Events: Mein Gegenüber geht eine Namensliste durch – mit Spannung schaue ich zu. Wie bei einem Game mit ungewissem Ausgang, scheint mir alles möglich zu sein. Mein Gegenüber schaut mich an: „Aiki Mira steht auf der Liste.“ Am ganzen Körper spüre ich, wie sehr queere Identität das Gegenüber braucht, das erwidert: „Ja, ich sehe dich. Du bist da.“

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