Stefan Verra, Körpersprache-Experte

Die Zukunft der Körpersprache ist weiblich

Seit zwei Jahrzehnten analysiert Stefan Verra die Körpersprache.

7 Min.

Stefan Verra © Kay Blaschke

Viele evolutionsbedingte Fertigkeiten von Männern haben ausgedient.

Körpersprache gendert nicht“ lautet der Titel der ersten Auflage. Ich zucke zusammen. Wie jetzt? Ein versteckter Appell gegen gendergerechte Sprache? Ein Dolchstich in unsere feministischen Herzen?
Nichts von all dem, das stellt Stefan Verra auf den ersten Seiten klar. Klar wird dabei ebenso, dass auch gelacht werden darf; wissenschaftliche Erkenntnisse und Schmäh sollten einander nicht ausschließen, findet er.

Er hat nichts gegen das Gendern, ganz im Gegenteil; er will gegen den Sexismus und die Benachteiligung von Frauen einstehen (gegen die von Männern übrigens auch, er ortet auch Bereiche, in denen es Männer schwerer hätten) – und prophezeit uns sogar eine weibliche Zukunft (dazu später). Aber der Mann, der in 20 Jahren quasi zum Körpersprache-Missionar avancierte, meint auch: Wir können schwer aus unserer evolutionsbedingten Haut raus.

„Ich wünsche mir eine Welt ohne strenge Geschlechterschubladen, alle sollen alles dürfen“, protestiere ich im Gespräch mit Stefan Verra. Das findet auch er, räumt aber ein, dass beispielsweise technische Unis heute händeringend um höhere Frauenanteile kämpfen. „Vielleicht wollen einfach nicht so viele Frauen in die Baubranche oder Auto­mechanikerin werden“, sagt er.

Darüber könnten wir noch diskutieren, aber wir lassen das jetzt so stehen und gehen zurück zu seinem Buch, das in der zweiten Auflage einen neuen Titel trägt: „Warum Frauen oft nicht ernst genommen werden und Männer unfreiwillig Single sind“ (Heyne Verlag). Wir picken ein paar Gedanken heraus.

Warum dieses Buch?

Stefan Verra: Seit ein paar Jahren wird die Diskussion, was Frauen und Männern alles von der Gesellschaft aufgezwungen sein soll, sehr hitzig geführt. Wenn etwas nicht klappt, soll es an Sexismus oder umgekehrt an der Frauenquote liegen, ständig ist das andere Geschlecht schuld. Ich aber sage: Das Allermeiste an unserem stereotypen Verhalten hat evolutionär großen Sinn gemacht. Der größte Fehler der Menschen ist, dass sie nicht wissen, wie sie sich verhalten. Niemand gibt uns neu­tral Feedback zu unserer Körpersprache.

Wieso lenkst du im Buchtitel den Blick auf Singlemänner?

Weil das Thema vor allem Männer betrifft – Studien belegen: Ein Teil der Männer bleibt unfreiwillig Single. Eine Frau, alleine an der Hotelbar, wird wahrscheinlich von so manchem angebaggert, ein Mann bleibt dort allein, bis der Barkeeper ihn hinauskomplementiert. „Men chase, women choose“ gilt in der (heterosexuellen, Anm.) Partnersuche. Männer jagen, Frauen entscheiden bzw. haben die freie Wahl.

Aber die Frau sieht die vielen Männer nicht, sie will nur den einen, den Richtigen. Ist er nicht dabei, glaubt sie, sie hat Pech. Das hat im Hintergrund einen biologischen Ursprung: Es gibt alle 28 Tage eine einzige Eizelle, die befruchtbar ist, sie geht deshalb mit Bedacht vor, der Mann produziert jeden Tag Millionen Samenzellen. Er muss nicht haushalten damit.


Wie viel Einfluss haben wir auf unsere Körpersprache?

Vieles passiert unbewusst, die Basis ist das Temperament, das vorgeburtlich festgelegt ist. Bildhaft gesprochen: Aus Angela Merkel wird keine Rampensau, sie ist eine zurückhaltende Frau. (Sie bekommt trotzdem viel Aufmerksamkeit, nicht zuletzt, weil sie gekonnt mit ihren nonverbalen Signalen umgeht, heißt es im Buch, Anm.) Den geringsten Teil macht der Einfluss der Eltern aus. Die Natur ist so geschaffen, dass die Kinder sehr bald selber ihren Weg finden.

… und unsere Erfahrungen?

Wir haben die Tendenz, uns schnell von anderen verunsichern zu lassen, und machen solche Erlebnisse zur Gewohnheit. Wir wurden einmal in einer Besprechung abgekanzelt und gehen deswegen immer mit einer Schutzhaltung in Meetings. Das wird zum Teufelskreis. Du setzt dich ins hintere Drittel, mit überschlagenen Beinen. Dann hebst du mal die Hand, weil du dich auskennst, aber im selben Moment meldet sich schon wer aus der ersten Reihe. Du wirst also übersehen und lernst wieder, du scheinst weniger wert zu sein. Wenn jemand beim ersten Gegenwind zurückzieht, entscheidet das Rudel, dass die Person nicht wichtig zu sein scheint. Dabei können wir uns mit wenigen Gesten, die uns Aufmerksamkeit und damit Selbstbewusstsein geben würden, aus diesem Teufelskreis befreien.

… besser wäre also?

Das Wichtigste: Ich rate allen, sich selbst bzw. seinem Temperament treu zu bleiben, authentisch zu sein. Hilfreich ist die „Flagge“-Technik (siehe S. 45). Du setzt dich im Raum weiter vor, lehnst dich interessiert nach vorne und beginnst beim Zuhören Reaktionen zu zeigen, etwa mitzunicken. Dann hebst du die Hand kurz und legst sie wieder ab und wiederholst das etwas später. Das wirkt wie ein Aufzeigen, es ist körpersprachlich ein Versprechen; du weckst emotional eine Erwartungshaltung. Wenn du nun wirklich die Hand hebst, erfüllst du die Erwartungshaltung, die Augen werden auf dich gerichtet sein.

Wichtiger wird zunehmend, schnell Sympathien herzustellen, darin sind Frauen besser.

Stefan Verra, Körpersprache-Experte

Wenn die Körpersprache die wichtigste Ebene ist, sind demnach Tinder und Co. verschwendete Zeit?

Viele Menschen haben eine Hemmschwelle, in einer Bar jemanden kennen­zulernen; da sind diese Dinge wunderbar. Aber: Achtung, in Fotos und Beschreibungen interpretieren wir zu viel rein. Wenn man einen Kontakt gefunden hat, sollte man nicht zu lange warten, sondern sich bald – zunächst in sicheren öffentlichen Räumen – treffen.
Die Schönheit ist übrigens überbewertet, nur ein Hingucker. Seid gepflegt, aber vor allem authentisch. Was sagt das aus, wenn jemand sehr auf sein Äußeres bedacht ist? Das signalisiert: Ich und mein Äußeres sind mir wichtiger als mein Inneres und als du es mir bist.

Einsam. Der Papa, der am Kinderspielplatz so mit anderen Eltern ins Gespräch kommen möchte, wartet lang. © Kay Blaschke

In was verlieben wir uns?

In die Körpersprache eines Menschen, der Charakter kommt erst in der Folge zum Zug. Ein Beispiel: Zwei Single­frauen machen einen Mädels­abend. Beste Stimmung im Lokal, als Single nehmen sie – wenn auch unbewusst – jeden Mann wahr.

Gegenüber sitzen zwei Freunde: Einer gestikuliert lebhaft, mit temperamentvoller Mimik – eine der Freundinnen findet ihn sofort reizvoll; sie hat nämlich ein inneres Bedürfnis nach Enthusiasmus und Lebensbejahung. Sein Temperament verspricht ihr, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ihre Freundin hält ihn für einen nervösen Typen; sie hat ein Bedürfnis nach Stabilität und Berechenbarkeit. Sie fühlt sich von der ruhigen, sanften Körpersprache des anderen Mannes angesprochen.

Du schreibst: Die Zukunft ist weiblich. Wieso glaubst du das?

Körperliche Kraft oder Dominanzverhalten waren für den Mann evolutionär von Vorteil, wenn der Säbelzahntiger kam, er sich gegen andere durchsetzen oder die Bude heizen musste. Das macht man heute mit dem Thermostat oder einer App, die körperliche Kraft wird unwichtig. Wichtiger wird zunehmend, ganz schnell Sympathien herzustellen, darin sind Frauen besser. Männer, die unsympathisch wirken, waren gegen den Feind gut, aber heute kommt im Videocall ein neuer Kunde dazu und du musst schnell Vertrauen erwecken. Frauen haben hier mehr Vorteile, ihr Empathie- und Kommunikations­zen­trum im Gehirn ist besser entwickelt.

20 Jahre Analyse von Körpersprache, siehst du heute etwas anders?

Verschränkte Arme, ein bestimmtes Lächeln – anfangs habe ich zu sehr Einzelsignale gedeutet. Es gibt aber kein Vokabelheft; Worte sind konkret, die Körpersprache ist ein diffuses Überblicksgefühl. Sie bestimmt dennoch, wie Worte wahrgenommen werden, auf der nonverbalen Ebene vermitteln wir Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit.

Ein Beispiel: Wir schreien die Kinder fünf Mal an, sie sollen das Zimmer zusammenräumen. Die hören zwar die Worte, erkennen aber an der Körpersprache, wie ernst wir zu nehmen sind.
Hier hilft die NN-Regel: Ich wende mich meinem Gegenüber mit der Nase und dem Nabel zu. Die frontale Position verdeutlicht, wer gemeint ist und dass die Botschaft wichtig ist. Mit ernstem Blick: „Räumt das Zimmer auf!“ Nun so lange wortlos (!) verharren, bis die Kinder die Aufforderung quittieren.

Stefan Verra: „Warum Frauen oft nicht ernst genommen werden und Männer unfreiwillig Single sind.“
© Heyne-Verlag

Ab 14. Februar. Stefan Verra:

„Warum Frauen oft nicht ernst genommen werden und Männer unfreiwillig Single sind“

Heyne Verlag, € 20,60

Infos und Shows: www.stefanverra.com

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